Rosige Aussichten oder wackeliges Zwischenhoch?
Die Einigkeit zwischen Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) ist groß. In ihren neuesten Gutachten (s. Hinweise am Schluß des Beitrags) stellen beide fest: Die Weltwirtschaft befindet sich in einem Aufschwung, wie es ihn seit Jahrzehnten nicht mehr gab. Die Weltproduktion nimmt 2004 um 5% zu, eine Rate, die es zuletzt in den 1960er Jahren gegeben hatte. Die Prognose für die nächsten beiden Jahre ist ebenfalls positiv. Das Wachstum wird sich etwas abschwächen (was zur Vermeidung einer Überhitzung gut ist), ansonsten aber robust bleiben. Doch Skepsis bleibt angebracht, wie Jörg Huffschmid aufzeigt.
Motor des globalen Wachstums ist nach wie vor die Wirtschaft der USA, die zwar nicht die höchste Wachstumsrate (4,3%) aufweist, aber mit Abstand das größte Gewicht in der Welt hat. Japan hat seine Stagnationsphase, die mehr als zehn Jahre gedauert hat, hinter sich und befindet sich am Beginn eines neuen Wachstumsschubes. Nur Europa bleibt weiterhin deutlich zurück, was im wesentlichen an der schleppenden Entwicklung in Deutschland liegt.
* Boom auch im Süden Die Entwicklungsländer wachsen noch stärker als die Industrieländer, allen voran China, dessen Produktion in diesem Jahr schon zum zweiten mal hintereinander um mehr als 9% zunimmt. Auch die Krisenländer der Jahrhundertwende haben sich wieder erholt. Argentinien zum Beispiel: Die Produktion, die von 1999 bis 2002 in jedem Jahr zurückgegangen war, wuchs 2003 um fast 9 und 2004 um 7%. Brasilien, Mexiko, Indien, Südafrika: überall Wachstum wie lange nicht mehr. Selbst der afrikanische Kontinent scheint aufzuholen: Von den 49 Staaten, die der Herbstbericht des IWF aufführt, haben nur zwei ein Minuszeichen vor den Wachstumsraten und bei nur 12 liegen sie real unter 3%. Der Anteil der Entwicklungsländer am Welthandel ist seit dem Jahr 2000 von 19% auf 23 % gewachsen; drei Viertel dieses Zuwachses entfallen allerdings auf China.
Kann die Welt also, nach dem durch Finanzkrisen und Zusammenbrüche aller Art verkrachten Einstieg in das 21. Jahrhundert, jetzt mit einer günstigeren Entwicklung rechnen, die es erlaubt, die am Anfang des Jahrhunderts formulierten Millenniumsziele – vor allem die Halbierung der Armut von 1990 bis zum Jahre 2015 - doch noch zu erreichen? Dazu wäre ein weltweites jahresdurchschnittliches Wachstum von 3,5% von 2004 bis 2015 erforderlich. Im Lichte der weltwirtschaftlichen Entwicklung der letzten beiden Jahre erscheint das nicht zu hoch gegriffen.
* Große Ungleichgewichte Daß es zu einer derartig günstigen Entwicklung kommt, ist jedoch unwahrscheinlich. Denn das Wachstum der letzten Jahre basiert auf großen Ungleichgewichten, deren weitere Zunahme die Entwicklung instabil macht und erhebliche Risiken birgt. Ihre Abwehr verlangt nach einer energischen und international abgestimmten Politik, wie sie etwa im Wirtschafts- und Sozialbericht der UNO (s. Hinweis) gefordert wird. Diese aber ist nicht in Sicht. Das größte weltwirtschaftlich Ungleichgewicht und das größte Risiko für die weitere Entwicklung ist das amerikanische Leistungsbilanzdefizit, das in diesem Jahr die phantastische Höhe von rund 660 Mrd. US-Dollar oder 5,5% des Bruttoinlandsprodukts der USA erreichen wird. Zur Finanzierung dieses Defizits brauchen die USA einen ständig höheren Kapitalzufluß. Das war kein Problem, solange die USA der sicherste Platz für internationale Kapitalanlagen und der Dollar die stabilste Anlagewährung der Welt waren. In den letzten beiden Jahren ist der Dollarkurs jedoch gesunken, und gleichzeitig haben die Entwicklungsländer ihre Dollarreserven massiv aufgestockt.
Das ist einerseits gut für den amerikanischen Export und trägt dazu bei, das Handelsbilanzdefizit zu verringern. Andererseits würgt genau dieses die weltwirtschaftliche Entwicklung ab. Denn die Importüberschüsse (also das Defizit) der USA sind die Exportüberschüsse der übrigen Welt. Auf diese sind die meisten Industrieländer der Welt aber angewiesen: Da die neoliberale Politik der Umverteilung von unten nach oben und des staatlichen Schuldenabbaus die Binnennachfrage stark gedämpft hat, kann die Konjunktur nur von außen stabilisiert werden. Der Abbau des Leistungsbilanzdefizits der USA bedroht die Weltkonjunktur also solange, wie sich vor allem die EU nicht dazu entschließt, durch kräftige Nachfragepolitik die Rolle des weltwirtschaftlichen Konjunkturmotors zu übernehmen. Danach sieht es aber nicht aus.
* Risiko Finanzmärkte In diesem Zusammenhang stellen die internationalen Finanzmärkte ein weiteres Risiko für die Entwicklung der Weltwirtschaft dar. In den letzten Jahren hat die weltweite Liquidität wieder deutlich zugenommen. Die täglichen Umsätze auf den Devisenmärkten sind von 1,2 Billionen Dollar im Jahre 2001 auf 1,9 Billionen Dollar in 2004, also um über 50% gestiegen, die Anlagen in spekulativen Hedgefonds belaufen sich mittlerweile auf rund 900 Mrd., gegenüber 600 Mrd. Dollar noch vor drei Jahren.
Währungskrisen der Entwicklungsländer, die für die 90er Jahre kennzeichnend waren, dürften allerdings in absehbarer Zeit nicht zu befürchten sein. Denn zum einen haben die Länder, die im Zentrum derartiger Spekulationen stehen könnten – vor allem China – in den letzten Jahren so umfangreiche Dollarreserven angehäuft, daß eine Spekulation gegen ihre Währung wenig Aussicht auf Erfolg hätte. Zum anderen existieren die starren Bindungen der Wechselkurse an den Dollar in den meisten Ländern (Ausnahme: China) nicht mehr.
Für die USA ist die Gefahr einer Währungskrise allerdings nicht auszuschließen. Sofern die Zentralbanken der Entwicklungsländer ihre Dollarbestände wegen des fortbestehenden Abwertungsrisikos abbauen und in größerem Maße in Euro umtauschen, würde die Abwertung des Dollars sich erheblich beschleunigen, und dieser Fall würde durch die Anti-Dollar-Spekulation verstärkt und könnte zu chaotischen Zuständen auf den internationalen Finanzmärkten führen.
* Ölpreise Die Risiken, die von einem hohen Ölpreis für die Weltwirtschaft ausgehen, sind sehr ungleich verteilt. Die positiven globalen Prognosen der Weltbank gehen von einem Rückgang auf 32 US-Dollar pro Barrel bis 2006 aus, während der aktuelle Preis im Oktober 2004 bei 50 Dollar lag. Dieses hohe Niveau macht den Industrieländern relativ wenig aus, schlägt aber voll auf die rohstoffabhängigen armen Entwicklungsländer durch (s. auch W&E 11/2004). Die Weltbank schätzt, daß die zusätzlichen Belastungen durch die höheren Ölpreise in diesem Jahr drei Viertel aller Mittel verschlingen, die diese Länder von der Weltbank für Entwicklungsprojekte erhalten.
Wenn das positive Wachstum hier weitergehen soll, müssen die Hilfsgelder für diese Länder also erheblich aufgestockt werden. Hierfür gibt es aber keine realen Initiativen. Wenn dieser Ausgleich für die höheren Ölpreise durch mehr externe Hilfe aber ausbleibt, wird es zu Rückschritten kommen und die Armut wieder zunehmen.
* Gefährdetes Millenniumsziel Die Weltbank geht davon aus, daß das Milleniumsziel, die Armut bis zum Jahre2015 gegenüber 1990 zu halbieren, tatsächlich nicht nur erreichbar ist, sondern daß die Welt sich auf gutem Weg dahin befinde. Dieser Optimismus ist nicht nachvollziehbar. Aus den Tabellen der Weltbank geht jedenfalls hervor, daß die Zahl der Armen (die von weniger als 1 Dollar pro Tag leben) von 1990 bis 2001 gerade einmal um 129 Millionen (von 1218 Mio. auf 1089 Mio. Personen) gesunken ist. Läßt man China beiseite, ist die Zahl sogar um 33 Millionen Personen gestiegen. Daß sie in den nächsten 14 Jahren um dreimal so viel zurückgehen wird, wie in den vergangenen 11 Jahren, ist wenig wahrscheinlich, zumal die rasante Entwicklung Chinas mit scharfer Polarisierung und einer Zunahme regionaler Armut verbunden ist.
In diesen Zusammenhang muß darauf hingewiesen werden, daß auch bei einem steigenden durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen die Zahl der Armen zunehmen kann, wenn das höhere Einkommen zunehmend ungleich verteilt wird. In eine solche Phase scheint China jetzt einzutreten.
* Umsteuern Die aktuell relativ positive Lage der Weltwirtschaft kann also keineswegs als sichere Grundlage für die weitere Entwicklung angesehen werde. Die Ungleichgewichte und Risiken erfordern politische Korrekturen und Steuerung: Erstens sollte die EU durch eine entschlossene Stärkung der Binnennachfrage einen Abbau des amerikanischen Leistungsbilanzdefizits ohne weltwirtschaftliche Einbrüche möglich machen. Zweitens sollte die weitere Abwertung des Dollars gebremst und eine massive Spekulation gegen den Dollar durch eine gemeinsame Stabilisierungspolitik – zur Not mit Hilfe befristeter Kapitalverkehrskontrollen – verhindert werden. Drittens ist es erforderlich, den ärmeren Ländern zusätzliche Mittel zur Bewältigung höherer Ölpreise zur Verfügung zu stellen. Viertens müssen die Anstrengungen und Mittel zum Kampf gegen die Armut ausgeweitet und gezielter eingesetzt werden.
Prof. Dr. Jörg Huffschmid lehrt politische Ökonomie an der Universität Bremen und ist Mitglied der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik und der Euro-Memorandumsgruppe.
Hinweise: * International Labour Organization, World Employment Report 2004-05: Employment, Productivity, and Poverty Reduction, 257 pp., ILO: Geneva 2005. Wortlaut >>> hier. * IMF, Word Economic Outlook, September 2004: The Global Demographic Transition, 275 pp., IMF: Washington, D.C. 2004. Wortlaut >>> hier. * UN Department of Economic and Social Affairs, World Economic and Social Survey 2004: Trends and Policies in the World Economy, 188 pp., United Nations: New York 2004. Wortlaut >>> hier. * World Bank, Global Economic Prospects 2005: Trade, Regionalism, and Development, 151 pp., The World Bank: Washington, D.C. 2005. Wortlaut >>> hier.
Der Beitrag erschien gedruckt in >>> W&E 12/2004.
Weitere weltwirtschaftliche Konjunkturanalysen: >>> Der Aufschwung im Schneckentempo >>> W&E 07-08/2003 >>> W&E 10/2002 >>> W&E 10/2001
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