In den christlichen Kirchen artikuliert sich eine eigenständige Globalisierungskritik. Der Stab des Weltrates der Kirchen veröffentlichte jüngst ein Hintergrundpapier über „Alternative Globalisierung im Dienst von Menschen und Erde“. Der englische Titel („Alternative Globalisation Adressing People and Earth“) gibt Anlaß für die Abkürzung mit dem altgriechischen Wort Agape für selbstlose Liebe und Solidarität. Der Text dient als Diskussionsgrundlage zur Vorbereitung auf die neunte Vollversammlung der Kirchen im Februar 2006 in Porto Alegre/Brasilien. Als besonderes Merkmal können die starke und theologische Sprache sowie die Verbindung von reformerischen und radikalen Ansätzen zu einer Doppelstrategie herausgehoben werden, schreibt Ulrich Schmitthenner.
Im World Council of Churches - im Deutschen zumeist bescheiden „Ökumenischer Rat“ (ÖRK) genannt, arbeiten 347 Kirchen rund um den Globus zusammen. Darunter befinden sich praktisch alle christlichen Konfessionsfamilien, wie östliche und westliche Orthodoxe, Anglikaner, Reformierte, Lutheraner, historische Friedenskirchen und Altkatholiken. Die Mitgliederzahlen dieser Kirchen liegt zusammen bei rund einer halben Milliarde Menschen. Die römisch-katholischen Kirche ist selbst nicht Mitglied, beteiligt sich im OeRK aber auf Kommissions- und Beobachterebene.
* Oikoumene der Solidarität Den Anstoß zur Diskussion über Globalisierung hatte der Ökumenische Rat selbst formuliert bei seiner letzten Vollversammlung in Harare. Die Delegierten der Kirchen erklärten dort 1998: "Zunehmend sehen sich Christen und die Kirchen den neuen und tiefgreifenden Herausforderungen der Globalisierung gegenüber, mit denen viele Menschen, insbesondere die Armen, konfrontiert sind" (Gemeinsam auf dem Weg, ÖRK 1999, S. 343). Gefordert wurde eine Vision der Oikoumene des Glaubens und der Solidarität.
Auf den nun vorgelegten gut 40 Seiten (s. Hinweis) finden sich die Diskussionen der letzten sieben Jahre zum „Wirtschaft(en) im Dienst des Lebens“ zusammengefaßt. Das Papier kann auf einen zusammenhängenden weltweiten Diskurs bei über 20 internationalen Konsultationen und weltweiten konfessionellen Vollversammlungen aufbauen.
Übereinstimmung besteht darin, daß durch das neoliberale Modell der wirtschaftlichen Globalisierung die Christenheit konfrontiert wird mit enormen wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten, bitterer Armut und Zerstörung von Leben. Deshalb seien die Kirchen seien aufgerufen, ihren Sendungsauftrag anzunehmen, indem sie die heutigen Denkmuster in Frage stellen, sich durch Gottes Gnade verwandeln lassen und mit Mut zukunftsweisende visionäre Strategien entwickeln.
Statt dem Paradigma der neoliberalen Globalisierung sollten sich die Kirchen der lebensbejahenden Vision der Oikoumene verschreiben. Unter diesem neutestamentlich-griechischen Begriff versteht die Verfassergruppe eine „Erdengemeinschaft, in der alle Völker in gerechten Beziehungen zwischen den Menschen untereinander, mit der ganzen Schöpfung und mit Gott leben“. Kirchen dürfen sich nicht mit den Strukturen der Ungerechtigkeit abfinden, sondern haben eine neue Welt anzukündigen und zu ihrem Teil zu verkörpern.
* Vielfalt contra Marktkonformität Die Logik der Globalisierung wird durch ein alternatives Lebenskonzept in Frage gestellt, nämlich durch die Gemeinschaft in der Vielfalt. Kirchen müssen Gemeinschaften der Hoffnung sein, die eine neue Vision des Lebens anbieten und mit Hilfe der Geisteskraft Gottes die Verzweiflung unter den Menschen vertreiben.
Das Papier diskutiert Themen wie Freihandel versus gerechten Handel, es verknüpft Ernährungssicherheit und Ernährungssouveränität. Die Sicht des Südens ist nirgends in den Schatten gestellt. So heißt es über den Anspruch der WTO, eine gerechte, auf Regeln beruhende Organisation zu sein, dieser sei „vollkommen unglaubwürdig“. Der Abschnitt „Gerechte Finanzen“ verweist darauf, daß „konstant mehr Kapital aus den Ländern als durch ausländische Direktinvestitionen und Hilfe in die Länder“ fließt. Widerstand gegen ungerechte Handelsregeln- und Beziehungen wären zwar wichtig, aber nicht genug. Bevor jedoch eine tatsächliche Änderung eintreten könne, brauche es „neue Visionen als Grundlage für neue Regeln, die von den Menschen selbst formuliert werden und die ethischen Anliegen der sozialen Bewegungen und der Kirchen berücksichtigen“. Agape fordert nicht nur Schuldenerlaß, sondern auch Wiedergutmachung.
Ein gesonderter Teil widmet sich „Verwandelndem Handeln und lebendigen Alternativen“. „Überall auf der Welt gibt es Menschen, die sich vom Neoliberalismus nicht haben vereinnahmen lassen; Menschen, die neue Wege gefunden haben, um die von der neoliberalen Globalisierung verursachten Krisen zu überleben; Menschen, die das von Gott gegebene Recht, ‚Nein‘ zu sagen, in Anspruch genommen haben und wieder Herr über ihr eigenes Leben sind. Diese blühende Vielfalt des Wirtschaftens steht im krassen Gegensatz zum einheitlichen Muster der marktorientierten Globalisierung.“
Zur inhaltlichen Verwandlung von asymmetrischen und ungerechten Beziehungen verweisen die Autoren auf die Traditionen des Sabbats, des Sabbatjahrs und des Erlaßjahrs. Diese Traditionen lieferten eine starke Vision darüber, wie wirtschaftliches Leben organisiert sein sollte.
* Agape-Aufruf Der vorgestellte Diskussionsprozeß soll nun absichtsgemäß bei der kommenden ÖRK-Vollversammlung 2006 einen Agape-Aufruf zum Handeln auslösen. Die Kirchen mögen sich selbst verpflichten, über die bisherige Kritik an der neoliberalen Globalisierung hinaus zu gehen und zu "zeigen, wie Gott in seiner Gnade dieses Paradigma verwandeln kann." Die Kirchen werden aufgerufen, neue Freiräume für die Verwandlung zu schaffen und deren Akteure zu sein, „obwohl wir selbst in das System, das wir ändern sollen, verstrickt oder gar dessen Komplizen sind“. Die Verfasser betonen, Wirtschaft und wirtschaftliche Gerechtigkeit seien "immer eine Frage des Glaubens, denn sie berühren den Kern des Willen Gottes zur Schöpfung".
Den Autoren ist klar, "daß die Kirchen nicht aufgrund einer Ideologie, sondern aus theologischen und spirituellen Gründen zum Handeln aufgefordert sind. Genau darin unterscheidet sich die Rolle der Kirchen und der ökumenischen Familie von der anderer Entwicklungsorganisationen. Als Kirchen und als ökumenische Familie handeln wir, weil wir von Gott berufen sind, Friede und Gerechtigkeit in der Welt zu schaffen."
Das Papier hebt als Angelpunkt die zentrale Bedeutung der „verwandelnden Gerechtigkeit“ hervor, ein Begriff, der im Zusammenhang mit der Arbeit des ÖRK zur Überwindung des Rassismus geprägt wurde. Mit verwandelnder Gerechtigkeit wird die konstruktive Aufgabe betont, überall dort gerechte, partizipatorische und überlebensfähige Gemeinschaften aufzubauen, wo Menschen unter den Folgen von Ungerechtigkeit und Ausgrenzung im wirtschaftlichen und politischen System leiden.
Pfarrer Ulrich Schmitthenner ist Beauftragter der Evangelischen Landeskirche von Württemberg für KDV, ZDL und Friedensarbeit.
Hinweis: * Team für Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfung, Alternative Globalisierung im Dienst von Menschen und Erde (AGAPE – Alternative Globalisation Adressing People and Earth), Hintergrunddokument, Ökumenischer Rat der Kirchen: Genf 2005; deutsche Fassung >>> hier; english >>> here. * Weitere Information und Rückmeldungen: Agape- Team für Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfung, Ökumenischer Rat der Kirchen, Postfach 2100, CH-1211 Genf 2, Schweiz, Rrm@wcc-coe.org
(Veröffentlicht: 4.5.2005)
* Mehr zur Rolle der Religionen in der Globalisierungsdebatte >>> W&E-SD 5/Mai 2002.
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