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Jeffrey Sachs: 2006 von Worten zu Taten übergehen

Was sich nach dem Jahr 2005 ändern muß

NUR IM WEB - 2005 war das Jahr der internationalen Entwicklungsdiplomatie. 2006 muß zum Jahr des Handelns werden. Der Vordenker der UNO ruft zur schnellen Einlösung der Versprechen des Jahres 2005 auf, zur tatkräftigen Umsetzung der Millenniumsziele vor Ort und zum definitiven Bruch mit der Strukturanpassungspolitik von IWF und Weltbank.

Im letzten Jahr wurde viel über die Beendigung extremer Armut gesprochen: auf dem G8-Gipfel von Gleneagles im Juli (>>> W&E-SD 7/2005), auf dem Weltgipfel der Vereinten Nationen im September (>>> W&E-SD 11/2005) und im Rahmen einer Fülle von Konzerten, Fernsehshows, Büchern und Artikeln rund um die Welt, die das öffentliche Bewußtsein und Interesse geschärft haben. Doch für die Hungernden, die Armen und die Sterbenden müssen aus diesen Worten noch erkennbare Taten werden.

* Europa in Führung - USA in der Schmollecke
Fortschritte müssen auf allen Handlungsebenen erreicht werden, von der lokalen über die nationale bis zur internationalen Ebene. Alle wichtigen Beteiligten müssen für ihr Handeln verantwortlich gemacht werden. Am Ende des Jahres muß jedem eine einzige Frage gestellt werden: Was hast Du in diesem Jahr getan, um der extremen Armut ein Ende zu setzen?

Der zentrale Durchbruch 2005 war die Verpflichtung der Geber der Europäischen Union, das überfällige 0,7%-Ziel in der öffentlichen Entwicklungshilfe bis zum Jahr 2015 zu erreichen. Als Zwischenziel bis 2010 wurde ein Anteil der Entwicklungshilfe von 0,56% am Bruttonationaleinkommen (BNE) festgelegt (>>> W&E 05/2005). Während Europa in Führung ging, verzog sich die Bush-Administration in die Schmollecke und lehnte es ab, sich auf etwas festzulegen, das sie einen „künstlichen“ Standard nannte. Welch eine Unverfrorenheit von dem reichsten und mächtigsten Land, das pro Jahr 500 Mrd. Dollar für das Militär ausgibt, doch jämmerliche 4 Mrd. Dollar für die Hungernden und Sterbenden in Afrika (weniger als 4 Cent je 100 Dollar US-BNE). Das meiste dieser beklagenswerten Hilfe für Afrika entfällt auf Nahrungsmittelhilfe und die Bezahlung von US-Beratern anstatt auf wirkliche Entwicklungshilfe.

* Es geht nicht um Geld an sich
Doch die Worte von 2005 beinhalteten mehr als Finanzen. Auf dem UN-Weltgipfel bekannten sich die führenden Politiker erneut zu den Millenniumszielen (MDGs) und beschlossen eine Anzahl von „Quick impact“-Initiativen in Bereichen, wo sich schnell Fortschritte erzielen lassen (zu dem dahinter stehenden Konzepte s. >>> W&E 02/2005). 2006 müssen diese Worte in Taten umgesetzt werden. Es muß wachsende Mittel für Afrika geben. Der Punkt ist nicht das Geld an sich, sondern was damit bewirkt werden kann; Mosquitonetze und Medikamente gegen die Malaria, Mittel gegen Aids, Dünger zur Wiederherstellung der landwirtschaftlichen Ertragskraft, Hard- und Software zum Anschluß ländlicher Regionen ans Netz und zahllose andere praktische Schritte, die Hunger, Krankheit und Isolation lindern könnten.

Wo praktische Maßnahmen mit Hilfe privater Spender unternommen wurden, wie in den Millenniumdörfern Kenias oder Äthiopiens, haben sich der Ertrag und der Lebensmitteloutput in einer einzigen Anbauperiode mehr als verdoppelt. Im Ergebnis von Schulspeisungsprogrammen und der Abschaffung von Schulgeld sind die Einschulungsraten nach oben geschnellt. Durch die Bereitstellung lokaler Kliniken und die massenhafte Verteilung haltbarer und insektizid-behandelter Mosquitonetze gegen die Malaria wurde die Gesundheitssituation dramatisch verbessert. Die Erfolge halten sich noch im kleinen Rahmen. Doch ist es an der Zeit, daß die öffentlichen Geber auf diesen Ergebnissen aufbauen.

* IWF und Weltbank reflektieren nicht die realen Bedürfnisse
2006 muß auch einen Durchbruch im Denken und Handeln auf nationaler Ebene bringen. Auf dem Weltgipfel wurde jedes Entwicklungsland dazu aufgerufen, eine ehrgeizige „nationale Entwicklungsstrategie“ zu entwickeln, um die MDGs zu erreichen. Die derzeitigen Strategien der Armutsreduzierung, die die armen Länder dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank vorlegen müssen, reflektieren nicht die realen Bedürfnisse, weil die ärmsten Nationen von diesen Institutionen dahingehend beraten werden, sich in ihren Bestrebungen entsprechend der bescheidenen Hilfsflüsse zurückzuhalten.

Das Ergebnis ist eine Armutsfalle, in der Geber behaupten zu helfen und Nehmerregierungen vorgeben, Programme der Armutsreduzierung auszuführen. Allenthalben blüht der Zynismus. Im privaten Rahmen schütteln US-Botschafter verzweifelt den Kopf, wohl wissend, daß die USA Armutsreduzierung predigen, doch die dafür erforderlichen Ressourcen verweigern. Der IWF flüstert den Finanzministern ins Ohr, daß ihr Job, so nett die MDGs auch sein mögen, nicht darin besteht zu träumen, sondern mit harten finanziellen „Realitäten“ fertig zu werden. Doch die Realität, die zählt, besteht darin, daß in dieser finanziellen Scharade jedes Jahr Millionen von Kindern sterben.

2006 muß das anders werden. Die nationalen Entwicklungsstrategien müssen sich im kommenden Jahr darauf gründen, was wirklich an Finanzen notwendig ist, um aus der extremen Armut auszubrechen und die MDGs zu erreichen, und nicht darauf, was gerade mal verfügbar ist. Die Geber haben sich verpflichtet, die Afrikahilfe bis 2010 zu verdoppeln, doch diese zusätzliche Hilfe wird niemals Wirklichkeit werden oder höchstens in die Taschen der Berater aus den reichen Ländern fließen, wenn sie nicht direkt in afrikanische Investitionen in die Infrastruktur, das Gesundheits- und Bildungswesen und eine afrikanische „grüne Revolution“ geleitet wird.

* Jenseits der Strukturanpassung
Auch auf internationaler Ebene muß sich die Praxis im Jahr 2006 verändern. Im „Zeitalter der Strukturanpassung“ während der letzten 25 Jahre waren IWF und Weltbank die Handlanger des US-Finanzministeriums, das seine Aufgabe darin sah, die US-Steuerzahler vor den Armen der Welt zu „schützen“ und sie ja nicht dazu aufzurufen, ein bißchen mehr für die Armen und Sterbenden zu geben.

Im nächsten Jahr muß das Verhalten von Fonds und Bank anders werden. Die Exekutivräte beider Institutionen sollten an jedes Programm, das ihnen zur Verabschiedung vorgelegt wird, eine Reihe von Fragen stellen: Basiert dieses Programm wirklich auf den MDGs? Wird es die Kindersterblichkeit reduzieren oder nur die Inflation, während es die Kinder dem Tod überläßt? Wird es das Land in die Lage versetzen, die vorgeschriebenen Ziele bis 2015 zu erreichen?

Das Perverse im Zusammenhang der Beendigung extremer Armut liegt darin, daß alle erforderlichen Versprechen gegeben wurden. Die 0,7%-Verpflichtungen zur Erhöhung der Hilfe, die MDGs, Schuldenstreichung, Good Governance, eine entwicklungsverträgliche Handelsrunde und weiteres mehr steht auf dem Plan. Die erprobten Technologien und Verfahren sind vorhanden. Doch die Menschen in den Dörfern sterben. 2006 haben wir die Chance, Worte durch Taten zu ersetzen.

© Financial Times

Jeffrey Sachs ist Direktor des Earth Institute an der Colombia University und leitete das UN-Millennium-Projekt (www.unmillenniumproject.org).


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(Veröffentlicht: 31.12.2005)

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