Zum Tod von Bernd Hamm

Auf dem Weg zu einer ökologischen Soziologie

Vorab im Web - Am 19. Juni verstarb Bernd Hamm kurz vor Vollendung seines 70. Lebensjahrs. Mit ihm verliert die an sozialökologischer Gerechtigkeit orientierte Wissenschaft einen herausragenden Vertreter. Aber auch der Bewegung für eine global nachhaltige Entwicklung, vor allem für eine Energiewende vor Ort, geht ein initiativreicher und kreativer Mitstreiter verloren. W&E trauert um einen seiner profiliertesten Mitherausgeber und Freund. Von Rainer Falk.


Bernd Hamm

Bernd Hamm war ein Querdenker und als solcher sicher in keines der gängigen Schemata zu pressen. Seine berufliche ‚Laufbahn‘ begann mit einer Schriftsetzer-Lehre in Rüsselsheim. Während der anschließenden Berufstätigkeit machte er über den zweiten Bildungsweg das Abitur. Von 1969 bis 1974 studierte er an der Universität Bern Soziologie, Volks- und Betriebswirtschaftslehre sowie Öffentliches Recht. Ein Jahr später promovierte er mit einer Arbeit über die Organisation der städtischen Umwelt. Diese Thematik bestimmte auch sein Berufsleben, zunächst als Leiter eines Planungsbüros und soziologischer Berater des Stadtplanungsamts Bern, dann ab 1977 als Professor für Siedlungs-, Umwelt- und Planungssoziologie der Universität Trier.

● Von der globalen Bedingtkeit lokaler Veränderungen

Wenngleich aus der klassischen Schulsoziologie und der traditionellen Stadt- und Regionalplanung kommend (wichtige Lehrer und Weggefährten waren Peter Atteslander und Bernhard Schäfers, aber auch Jean Ziegler), überschritt Hamm deren Grenzen schnell. Schon Anfang der 1980er Jahre war ihm klar, dass Stadtentwicklung nicht mehr aus lokalen Bedingungen heraus verstanden werden kann, sondern am Ende einer langen Wirkungskette steht. Noch bevor das Modewort von der Globalisierung in aller Munde war, richtete sich sein Blick auf die „globale Bedingtheit lokaler Veränderungen“.

Wie kaum ein anderer verstand es Bernd Hamm, die verschiedenen Ebenen, vom Globalen bis zum Lokalen, nebst den diversen Zwischenebenen der Region, der Nation und internationalen Verbünden, miteinander in Beziehung zu setzen. Seine „Ökologische Soziologie“, wie sie in seinem Hauptwerk (Bd. 1: „Struktur moderner Gesellschaften“, 1996, später, 2006, als „Die soziale Struktur der Globalisierung“ aktualisiert, Bd. 2: „Siedlungs-, Umwelt- und Planungssoziologie“, zus. mit Ingo Neumann) niedergelegt wurde, könnte deshalb zu allererst als ‚multidimensionale‘ Soziologie charakterisiert werden, die den meist nationalen Kontext konventioneller Sozialstrukturanalyse bewusst durchbricht und hinter sich lässt.

● Breit gefächerte Praxis

So wie das Lokale nicht ohne das Globale war Ökologie für Bernd Hamm nicht ohne das Soziale denkbar, ökologische Zukunftsfähigkeit nicht ohne soziale Zukunftsfähigkeit. Der Ausgangspunkt von Hamms „ökologischer Soziologie“ war normativ, ihr zentrales Anliegen die Suche nach einem Weg zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft: „Wenn aber auch nur eine geringe Wahrscheinlichkeit dafür besteht, dass die Menschheit tatsächlich vor oder gar in einer Überlebenskrise steht dann müssen wir alle unsere Fähigkeiten und Kenntnisse so einsetzen, dass sie nach heutigem Wissen vielleicht noch abgewendet oder bewältigt werden könnte.“

Dieses Praxisverständnis leitete nicht nur das soziologische Erkenntnisinteresse Hamms, sondern auch seine vielfältigen Aktivitäten selbst – egal ob auf internationaler Ebene (so als Vorsitzender des Sozialwissenschaftlichen Ausschusses und Mitglied der deutschen Delegation bei den Generalkonferenzen der UNESCO, bei Pilotprojekten in Brasilien, Marokko, Indien, Polen, Kanada und andernorts, als Mitglied der International Sociological Association und der World Futures Studies Federation), oder unmittelbar vor Ort (so als treibende Kraft des Trierer Vereins Lokale Agenda 21 und der Trierer Energiegenossenschaft TRENEG, deren Aufsichtsratsvorsitzender er bis 2014 war). Auch in seiner neuen Heimat Berlin (seit 2012) mischte er sich sofort wieder im Sinne der Lokalen Agenda 21 ein.

● Wider die Fachentwicklung

Bei all dieser breitgefächerten Aktivität hatte Bernd Hamm keinerlei Illusionen über die Reichweite unseres Handels. Die fachinterne Reaktion auf seinen Vorschlag einer „ökologischen Soziologie“, so bemerkte er anlässlich des Erscheinens seiner „sozialen Struktur der Globalisierung“ nüchtern, „lag nahe bei Null“. Schmerzlich beobachtete er, wie der wissenschaftliche Trend in die andere Richtung ging: „Die Soziologie, an einigen Universitäten als eigenständiges Fach bereits abgeschafft, kämpft unter der verordneten Zwangsamerikanisierung um ihr Überleben, indem sie sich an die neuen politischen Vorgaben so nahtlos wie möglich anpasst, sich disziplinär einkapselt, zuweilen sich anbiedert, zuweilen esoterisch wird.“

In diesen Kontext gehört auch, dass Hamm, der 1992 den Jean-Monnet-Lehrstuhl, 1993 die UNESCO-Professur für Europa in globaler Perspektive innehatte und 1995 den Ehrendoktor der Wirtschaftsuniversität Kattowitz bekam, 2008 aus Protest gegen die Bologna-„Studienreform“ in den vorzeitigen Ruhestand ging. (Der Verfasser dieser Zeilen selbst konnte bei der Abschiedsveranstaltung beobachten, wie die versammelten Honoratioren der Trierer Universität in ihren Würdigungen von Hamms Schaffen ausgerechnet dessen Beiträge zu einer „ökologischen Soziologie“ seit Beginn der 1990er Jahres keiner Erwähnung für würdig befanden.)

Letzteres hieß freilich nicht, dass seine Aktivität erlahmte. Er führte bewährte Themen fort, so mit dem Buch „Umweltkatastrophen“ 2011, und erweiterte seine Sicht auf die Weltentwicklung. Vor allem die neoliberale Offensive – in seiner Sicht ein „Anschlag auf Demokratie und Gerechtigkeit“ (so der Untertitel seine Buches „Gesellschaft zerstören“) – und die „Kolonisierung unserer Köpfe“ (so im Untertitel des Bandes „Kulturimperialismus“) ließen ihn nicht mehr los, bis er 2014 beinahe resigniert feststellte: „Die Welt wird zunehmend von einem Dunklen Staat regiert, weitgehend unkontrolliert durch demokratische Mechanismen, für den erdrückende Beweise erst vor kurzem durch WikiLeaks, Edward Snowdon und andere Whistleblower vorgelegt wurden. Es ist eine Regierung hinter der Regierung, eine Kreuzung von öffentlichen und privaten Institutionen, verknüpft mit dem sichtbaren Staat, dessen Regierung aus Wahlen hervorgeht.“ (>>> W&E 07-08/2014)

● Globale Macht und lokale Spielräume

Zunehmend skeptisch sah Bernd Hamm in den letzten Jahren auch die Chancen, globale Veränderungen über die Strukturen des UN-Systems zu erreichen. „Stell Dir vor, es ist UNO, und keiner geht hin!“, hielt er 2013 dem beginnenden Hype der NGOs um die Post-2015-Entwicklungsstrategie entgegen. (>>> W&E 02/2013) Die Alternative war für Bernd Hamm jedoch auch hier nicht der Rückzug, sondern die Verstärkung seines Engagements auf der lokalen Ebene. Dort waren seiner Erfahrung nach noch am ehesten reale Veränderungen durchzusetzen.

In einem seiner letzten längeren Texte beschäftigte sich Bernd Hamm mit dem „Ende der Demokratie, wie wir sie kennen“. Er befasste sich mit der Verfestigung von Herrschaft unter Hegemonie einer nunmehr auch global herrschenden Klasse. Er untersuchte, wie die Neokonservativen in den USA an die Macht kamen und wie sie Regierungswechsel in anderen Weltregionen erzwingen wollen, um dort Chaos zu stiften. Eine Strategie der Spannung dient dazu, die eigene Bevölkerung unter Konformitätsdruck zu stellen. „Aber die eigentliche Revolution besteht darin, dass bereits heute weite Politikbereiche einer wirksamen demokratischen Kontrolle entzogen sind.“

Es verwundert nicht, dass dieses Forschen nach dem „dunklen Staat“ auch bei einem wie Hamm zuweilen emotionale Tiefen erzeugte, die er hoffte, durch die Erhöhung seines Engagement für Energiewenden vor Ort auszugleichen. Doch gerade hier bleiben durch seinen Tod noch viele Felder unbeackert. Bernd Hamm wird uns fehlen. Aber die Suche nach einer „ökologischen Soziologie“ und einem Weg in eine sozial-ökologisch gerechte Zukunft geht weiter.

Posted: 5.8.2015



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