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Vertragsbauernmodell in Afrika: Neue Ausbeutung?

Agrarpolitik und Armutsbekämpfung à la Weltbank

Vorab im Web – In der neuen Agrarpolitik, wie sie unter anderem im Weltentwicklungsbericht der Weltbank von 2008 (s. Hinweis) formuliert wird, gilt die globale Marktintegration der Landwirtschaft als wichtiges Mittel für Wirtschaftswachstum und Armutsminderung. Ein zentrales Instrument dabei ist das Vertragsbauernmodell. Von Uwe Hoering. Mit einer Replik von Roger Peltzer.

 

„Kleinbauern in Kamerun übernehmen Ölpalmen-Plantage“, titelte die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) in einer Pressemappe zum Afrika-Schwerpunkt der deutschen G8-Präsidentschaft. Dabei handelt es sich nicht etwa um eine Landbesetzung, sondern um Subcontracting: Die kamerunische Tochtergesellschaft der SOCFINAL-Gruppe, einer der weltweit führenden Investoren in Kautschuk- und Ölpalmen-Plantagen, verpachtet an Bauern rund zehn Hektar große Parzellen, auf denen sie Ölpalmen anbauen sollen. Um die hohen Kosten aufzubringen, verhilft ihnen die DEG mit einer Bankgarantie zu langfristigen Krediten. Die zahlen sie dann mit dem Verkauf der Fruchtbüschel an die SOCFINAL-Ölmühle ab. Für die DEG ist das ein „Grundmodell für ähnliche Kooperationen zwischen privaten Unternehmen, der Dorfbevölkerung, dem Finanzsektor und einem internationalen Entwicklungsfinanzier“.

* Win-win-Situation?

Daß Bauern Verträge mit Abnehmern schließen, ist an sich nichts Neues. Sie haben dadurch eine gewisse Sicherheit für den Absatz ihrer Erzeugnisse, vielfach stellen die Abnehmer auch Saatgut, Dünger, Pestizide, Beratung und Kredit zur Verfügung. Umgekehrt können die Käufer besser planen und Einfluß auf Menge, Qualität oder Zeitpunkt der Lieferung nehmen. Wirtschaft und Entwicklungspolitik sehen darin eine „Win-win-Situation“.

So gilt das Konzept in der deutschen Entwicklungsdiskussion als ein „Schlüssel für Entwicklung der ländlichen Regionen und die Armutsminderung“ (1). Deshalb geht zum Beispiel die DEG zunehmend dazu über, mit Entwicklungsgeldern Agrounternehmen beim Aufbau von bäuerlichen Zulieferbetrieben zu unterstützen. Mit solchen „öffentlich-privaten Partnerschaften“ (PPP) soll eine „Markt- und Profitorientierte Landwirtschaft im Agrarsektors Afrikas gefördert“ (2) werden. Nachdem durch die Strukturanpassungspolitik staatliche Vermarktungsbehörden und damit die Versorgungs- und Absatzkanäle vieler Bauern beseitigt wurden, soll jetzt der private Sektor diese Rolle übernehmen.

Das Konzept scheint geradezu die Ideallösung, um die angestrebte Marktintegration der Landwirtschaft, etwa in Afrika, weiter voranzubringen (s. Weltentwicklungsbericht 2008). Zum einen ist die Agroindustrie interessiert, sich den „unterversorgten“ Absatzmarkt für Dünger, Saatgut - GMOs eingeschlossen - und Agrarchemie zu erschließen. Auf der anderen Seite der Nahrungsmittelkette sei die Industrie angesichts der weltweit steigenden Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten „zunehmend auf die Zusammenarbeit mit zuverlässig zuliefernden Vertragsbauern angewiesen“ (3).

* Das größere Risiko tragen die Bauern

Ob das den Millionen Bauern, die inzwischen im Vertragsanbau stehen, wirklich dauerhaft hilft, dafür gibt es angesichts unzureichender empirischer Forschung nur „Vermutungen“ (Peltzer). Doch die Praxis in vielen Ländern – von den Tabakbauern in Brasilien über die Blumenexporte aus Ostafrika bis zu den Palmölindustrie-Zulieferern in Indonesien – zeigt, wie prekär die Lage der Bauern in diesem Verhältnis ist.

Für die Agrounternehmen bietet die Konstruktion erhebliche Vorteile: Ein Heer billiger, oft hoch produktiver Betriebe, die sie gegeneinander ausspielen können, sichert den Nachschub in ausreichender Menge und hoher, gleichbleibender Qualität. Sie verschafft ihnen Zugang zu Land ohne langfristige Investitionen und ohne die Komplikationen unsicherer und konfliktträchtiger Landnutzungsrechte und hilft damit, eines der zentralen Investitionshindernisse elegant zu umgehen. Ebenso vermeiden sie arbeitsrechtliche oder soziale Probleme mit eigenen Beschäftigten und verringern damit die Gefahr politischer Widerstände, indem sie einige Bauern einbinden, oder von Imageschäden, wie sie die Blumenindustrie erlebt.

Die größeren Risiken tragen dagegen die Bauern. Ernteausfälle und schwankende Preise gehen zumeist auf ihre Kosten. Sie müssen den Anbau von Nahrungsmitteln einschränken, da Land umgewidmet wird und der gewohnte Mischanbau vielfach nur noch beschränkt möglich ist. Um Vertragsverpflichtungen zu erfüllen, können sie gezwungen sein, die Erträge auf Kosten von Bodenerosion und Umweltverschmutzung zu steigern. Als Pächter und Zulieferer sind sie abhängig vom Abnehmer, der zahlreiche Möglichkeiten hat, über willkürliche Qualitätskriterien oder Berechnung von Zusatzkosten die Einnahmen der Bauern weiter zu reduzieren.

„Betrüblicherweise ist das vorherrschende Muster die Ausbeutung, nicht die Kooperation“, heißt es in einer Studie (4). Die Bauern als das schwächste Glied in der Wertschöpfungskette geraten in die Schere zwischen steigenden Kosten, etwa durch kostspieligere Anbaumethoden oder Qualitätsanforderungen, und sinkenden Preisen. Zudem werden die Bauern in die Abhängigkeit des Weltmarktes eingebunden. Qualitäts- und Zertifizierungsanforderungen wie der EurepGAP-Standard europäischer Händler, Verpflichtungen wie die Rückverfolgung von Erzeugnissen zu ihrem Ursprung, rasche Änderungen der Konsumgewohnheiten und ein verschärfter Konkurrenzkampf der Anbieterländer setzen immer neue, höhere Hürden.

* Zwischenschritt zur Konzentration

„Die Zukunft des Vertragsanbaus für den Export ist nicht ausgerichtet auf die Kleinbauern“, lautet denn auch das Ergebnis einer Studie über die Vertragslandwirtschaft in Afrika (5). Das gilt auch für die sich rasch entwickelnde neue Nachfrage durch Supermärkte (6), die zunehmend den gleichen Regeln und Zwängen unterliegt. Nur etwa 4% der Frischware, die Verarbeitungsbetriebe in Südafrika einkaufen, stammt von schwarzen Vertragsbauern, rund 74% von kommerziellen, weißen Farmern. Der Anteil der Kleinbauern an Kenias Export von Gartenbauprodukten fiel von 75% in den frühen 1990er Jahren auf rund 45% 2004.

Der Vertragsanbau fungiert häufig als Zwischenschritt für die Konzentration unter den Zulieferbetrieben: Kleinere Bauern werden aus dem Markt gedrängt und sind bestenfalls noch als Arbeiter beteiligt – mit entsprechend geringem Einkommen (7). So ging in Senegal der Anteil der Haushalte, die als Vertragsbauern grüne Bohnen liefern, von 23 auf 10% zurück, während der Anteil der Haushalte, die als Arbeiter auf Bohnen-Farmen arbeiteten, von 10 auf 34% stieg.

Die ungleichen Kräfteverhältnisse zwischen kleinbäuerlicher Landwirtschaft und mächtigen Abnehmern lassen sich nur sehr begrenzt durch die Bildung von Bauerngruppen oder durch Unterstützungsmaßnahmen, mit denen Entwicklungsorganisationen ihre Fördermaßnahmen für das Agrobusiness flankieren, ausgleichen. Die Bauern brauchen Alternativen, um nicht von einem einzigen Erzeugnis, einem Käufermonopol und einer einzelnen Quelle von Inputs und Kredit abhängig zu werden – und von einem Markt, der als „Käufermarkt“ von einigen wenigen Ländern und Konzernen dominiert wird.

Hinweise:
* Weltbank, World Development Report 2008: Agriculture for Development, The World Bank: Washington DC 2007. Bezug: über www.worldbank.org (>>> hier)
* Uwe Hoering, Agrokolonialismus in Afrika. Eine andere Landwirtschaft ist mölich, VSA-Verlag: Hamburg 2007. Bezug: Buchhandel, z.B. >>> hier. (Der vorliegende Beitrag ist ein bearbeiteter und gekürzter Vorabdruck aus dem Buch.)

Anmerkungen:
(1) Outgrowers – a key to the development of rural areas in Sub-Saharan Africa and to poverty reduction, Workshop Report, Bonn, January 2007; siehe auch den Bericht über eine internationale Konferenz im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft Ende Mai 2007 in Berlin, in: E+Z Jg.48.2007:7/8, 273
(2) Andreas Foerster/, Afrika-Abteilung des BMZ, zitiert in: E+Z 10/2006, 357
(3) Roger Peltzer, Aufwachen. Deutsche Agrarförderung sollte Vorzüge des Vertragsbauernmodells für die Armutsbekämpfung erkennen, in: eins Entwicklungspolitik, 12-2007, 28-31
(4) Slow Trade – Sound Farming. A Multilateral Framework for Sustainable Markets in Agriculture, 2007, 43 (EcoFair Trade Dialog – Heinrich Böll-Stiftung/Misereor/Wuppertal Institut)
(5) Denis Sautier, u.a. Case Studies of Agri-Processing and Contract Agriculture in Africa, November 2006 (Studie für den World Development Report 2008)
(6) Supermärkte auf dem Vormarsch im Süden – Bedrohung für Kleinbauern? 2007 (Forum Umwelt & Entwicklung)
(7) World Bank, World Development Report 2008, March 14, 2007 (draft) Box 5.5.; siehe auch Michael Brüntrup, Merits and limits of contract farming, in: D+C Vol. 33.2006:10, 357

Empfohlene Zitierweise: Uwe Hoering, Vertragsbauernmodell in Afrika: Neue Ausbeutung? Agrarpolitik und Armutsbekämpfung à la Weltbank, in: Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung, Luxemburg, 5.11.2007 (www.weltwirtschaft-und-entwicklung.org)

Veröffentlicht: 5.11.2007





Keine heile Welt, doch viel gute Anknüpfungspunkte

Eine Replik von Roger Peltzer

Der Kommentar von Uwe Hoering zu den Chancen und Risiken des Vertragsanbaus in Afrika ist akademisch und zeugt von wenig Kenntnis der bäuerlichen Realität in Afrika. Armut in ländlichen Räumen Afrikas ist vor allem eine Folge von niedriger Produktivität in der Landwirtschaft. Die Bauern haben keinen Zugang zu Märkten, ländlichen Wegen, landwirtschaftlichen Input und systematischer Beratung.

Wer dieses Problem wirksam angehen will, muß die Bauern organisieren, eine Alternative dazu gibt es nicht, es sei denn, man entscheidet sich dafür, die Bauern Afrikas auf alle Zeiten zu Sozialhilfeempfängern zu machen. Organisieren kann man sie über Genossenschaften oder eben als Vertragsbauern. Beide Wege waren und sind auch in der europäischen Landwirtschaft sehr erfolgreich.

Leider haben Genossenschaften in Afrika das Problem, daß sie durchweg unter den gleichen Governance-Problemen leiden wie die Regierungen vieler afrikanischer Staaten. Korruption und Mißwirtschaft sind verbreitet, oft kassieren die Genossenschaftsbürokratien - so im Kaffeesektor Kenias - ein substantiellen Teil des Verkaufspreises und der Bauer schaut in die Röhre.

Sowohl das Genossenschaftsmodell wie auch das Vertragsbauernmodell haben aber eines gemeinsam. Jeweils handelt es sich um ein Vertragsverhältnis zwischen Bauern auf der einen und seiner Genossenschaft oder dem Agroindustrieunternehmen auf der anderen Seite. Das birgt für beide Seiten Chancen und Risiken. So können die Vertragsbedingungen für den Bauern unvorteilhaft sein. Es ist aber auch möglich, daß das Agroindustrieunternehmen die Bauern in erheblichem Umfang vorfinanziert und der Bauer dann seine Ware aber nicht an das Unternehmen abliefert, so daß dieses auf erheblichen Krediten sitzen bleibt.

Wer die Realität Afrikas nur ein wenig kennt, weiß, daß die Bauern in den Sektoren, die für den Vertragsanbau in großem Umfang relevant sind, wie z.B. bei der Baumwolle oder im Palmölbereich recht gut organisiert sind, und ihre Interessen zu wahren wissen. So werden die Preise regelmäßig landesweit in Quasi-Tarifverhandlungen unter Einbeziehung der nationalen Regierungen ausgehandelt. Wer meint, daß die Bauern dabei immer den Kürzeren ziehen würden, kennt die afrikanische Realität nicht. Mit Blick auf die Vertragstreue sind im übrigen Bauern, die ihre Verträge nicht erfüllen, das mit Abstand größte Problem. Bei Jahreskulturen könnten Bauern leicht auf andere Kulturen ausweichen, und bei Dauerkulturen können der Kautschuk oder die Palmöl-Fruchtbüschel auch an andere Abnehmer verkauft werden, um so den Abzügen für den Schuldendienst ausweichen.

Auch deshalb stellt sich die Realität des Vertragsbaus in Afrika des Öfteren so dar, daß die Agroindustrieunternehmen ihren Bauern attraktive Konditionen bieten müssen, wenn sie sie bei der Stange halten wollen. Wobei das ganze Modell für alle Seiten natürlich nur funktioniert, wenn die Preise attraktiv sind. Das ist aber heute - mit Ausnahme der Baumwolle - bei vielen landwirtschaftlichen Produkten der Fall.

Hinzu kommt, daß die Trends zu zertifizierter Ware, zur Ausdehnung von Supermarktketten etc. unausweichlich sind. Kleinbauern werden nur dann in Zukunft eine Chance haben, wenn sie diese Vorgaben erfüllen. Auch da bieten Vertragsbauernmodelle, aber auch eine Genossenschaft, die Möglichkeit über Gruppenzertifizierung die Kosten zu senken und sich so Märkte zu erschließen. Und in Südafrika erlebt das Vertragsbauernmodell deshalb einen Renaissance, weil es genau das leistet, was die bisherigen Agrarreformbemühungen nicht geleistet haben, nämlich den Bauern nicht nur Land, sondern auch Märkte und Know-how zu verschaffen. In Brasilien wird das Vertragsbauernmodell in Nordosten mit recht großem Erfolg und unter Einbindung der Landarbeitergewerkschaften bei dem Anbau von Rozinuspflanzen, deren Öl für die Herstellung von Biodiesel verwendet wird, eingeführt (übrigens in Mischkultur mit dem Anbau von Nahrungsmitteln).

Insofern bietet das Vertragsbauernmodell zwar keine heile Welt, aber jede Menge sinnvoller Anknüpfungspunkte, um eines der drängendsten Probleme des ländlichen Raums in der sog. Dritten Welt zu lösen. Wenn die öffentliche Hand dabei ins Spiel kommt, muß Sie natürlich dafür sorgen, daß die Bauern fair behandelt werden, daß sie möglichst nicht nur von einer Kultur abhängig werden, und daß die Ausdehnung landwirtschaftlicher Flächen nicht zu Lasten der Umwelt oder der Nahrungsmittelversorgung geht. Genau dies tun aber die Institutionen der EZ in Deutschland seit Jahr und Tag.

Veröffentlicht: 16. November 2007





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