2019: W&E jetzt im 30. Jahr! Jetzt abonnieren!
english version
Home Über W&E W&E-Abo Probeexemplare/Service W&E-Blogs Materialien W&E-Links W&E-Archiv

W&E-Sonderserien
W&E-Dossiers
W&E-Archiv 2018
W&E-Archiv 2017
W&E-Archiv 2016
W&E-Archiv 2015
W&E-Archiv 2014
W&E-Archiv 2013
W&E-Archiv 2012
W&E-Archiv 2011
W&E-Archiv 2010
W&E-Archiv 2009
W&E-Archiv 2008
W&E-Archiv 2007
W&E-Archiv 2006
W&E-Archiv 2005
W&E-Archiv 2004
W&E-Archiv 2003
W&E-Archiv 2002
W&E-Archiv 2001
W&E-Stichworte
Aufmacher der Startseite
LOGIN
Nur für Abonnenten

In Ihrem Warenkorb:
0 Artikel, 0,00 EUR

Merkzettel anzeigen
Warenkorb anzeigen
Zur Kasse gehen
Ihre Bestelldaten
Probeexemplar bestellen



ANZEIGEN



Umweltkatastrophen - Eine Typologie (I)

Gesellschaftliche und systemische Bedingungen

Nur im Web – Wir Menschen sind dabei, unsere natürlichen Existenzgrundlagen zu zerstören. Wie das geschieht, davon handelt das neue Buch von Bernd Hamm*). Dabei zeigt sich, dass nicht alle Menschen von Umweltkatastrophen gleichermaßen betroffen sind. Vielmehr sind es die ohnehin schon Benachteiligten, die darunter besonders zu leiden haben. Eine Vorabveröffentlichung aus der Einführung in zwei Teilen.

 

Auch am Entstehen von Umweltkatastrophen sind Menschen beteiligt, wiederum nicht alle im gleichen Ausmaß. Manche Ereignisse können wir nicht verhindern: Erdbeben, Vulkanausbrüche, Überflutungen. Aber ob und wie daraus Katastrophen werden, das hängt von Entscheidungen ab, an denen in der Regel nur Wenige beteiligt sind. Manche Katastrophen werden aus Raffgier, Rücksichtslosigkeit, Unvermögen in Gang gesetzt. Andere wiederum bauen sich schleichend auf, werden durch unendlich viele Einzelentscheidungen, an denen wir alle mehr oder weniger beteiligt sind, erst zur Katastrophe. Täter sind wir insofern alle, als wir diese Umweltkatastrophen geschehen lassen, sie hinnehmen, obgleich wir mehr als genug Gründe zu Empörung und Protest hätten.

* Umweltkatastrophen – der innere Zusammenhang

Umweltkatastrophen hängen oftmals miteinander zusammen; die lineare Logik der Sprache zerreißt die innere Einheit der Dinge: Die globale Erwärmung führt zu extremen Wetterereignissen, wie lang anhaltenden Dürren, aber in anderen Regionen auch zu Wirbelstürmen und Überflutungen, die immense Schäden anrichten. Die Auslöschung biologischer Arten und die Überfischung der Meere werden zu Hungerkatastrophen führen, die Erwärmung kann dazu beitragen, indem sie das Auftreten von Krankheitserregern verändert, das Abholzen der Wälder verändert den Wasserhaushalt und die Lebensräume von Tieren und Pflanzen. Altlasten vergiften die Böden, radioaktive Strahlung bedroht Tiere und Menschen, Gifte in den Meeren geraten in die Nahrungskette. Besinnungslos greifen die Menschen in ökologische Systeme ein, die über Millionen von Jahren entstanden ist, ohne die wechselseitigen Zusammenhänge darin auch nur annähernd zu verstehen.

Eine positivistische Wissenschaft, nach Fachdisziplinen segmentiert und oft unfähig (und uninteressiert), selbst die Sprache der Nachbarwissenschaft zu verstehen, glaubt, in das Geheimnis des Lebens dadurch einzudringen, dass sie alle Phänomene in immer kleinere Teilchen zerlegt und diese dann getrennt voneinander untersucht. Spätestens die Atombombe müsste uns gelehrt haben, dass dies ein fundamentaler Irrweg ist. Damit hängt eng zusammen, dass wir die Wissenschaft dem Profitinteresse untergeordnet haben. Der Machbarkeitswahn ist der Zwilling des Größenwahns. Die ideologische Hilfskonstruktion, nach der am Ende für alle Menschen nützlich sei, was am Anfang nur für Wenige profitabel ist, wird erkennbar immer weniger überzeugend. Das Misstrauen sitzt tief, aber es artikuliert sich nicht.

Umweltkatastrophen können definiert werden als „plötzliche natürliche oder anthropogene Ereignisse, die den Zustand der Umwelt radikal nachhaltig (zer-)stören, so dass sich die Lebensgemeinschaften der Organismen und die Landschaftsökosysteme nur langsam davon erholen.“ Mit dem Begriff der Umweltkatastrophe in direktem Zusammenhang steht der Begriff des Risikos. Risiko ist allgemein definiert als „Produkt aus Schadensumfang und Eintrittswahrscheinlichkeit eines Ereignisses oder einer Katastrophe.“

* Von Menschen gemacht

Viele der heutigen Umweltkatastrophen haben Folgen von globalem Ausmaß und wirken sich durch zunehmende Internationalisierung auf einen immer größeren Kreis von Betroffenen aus. Um globale Risiken zu kategorisieren, definierte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) sechs verschiedene Risikotypen. Die Chemiekatastrophe in Bhopal gehört demnach zur Kategorie „Damokles“ – ein Risikotyp mit einem sehr hohen Schadenspotential und einer geringen Eintrittswahrscheinlichkeit. Wir teilen diese Einschätzung nicht. Vielmehr werden wir zeigen, dass die Katastrophe fahrlässig und aus skrupelloser Gewinnsucht herbeigeführt worden ist – und sich folglich in dieser oder ähnlicher Form, an diesem oder einem anderen Ort schon ereignet hat und sich wieder ereignen wird. Sie ist eben kein Zufall – sie ist systemimmanent.

Die These, die wir in diesem Buch untersuchen wollen, ist einfach und leicht zu formulieren: Umweltkatastrophen sind letztlich – was immer ihre unmittelbare Ursache sei – in ihrem Ergebnis nicht nur von Menschen zu erleiden, sondern von Menschen gemacht, und folglich, die Konsequenz lässt sich nicht vermeiden, zumindest in ihren Folgen – wenn nicht gänzlich vermeidbar, so doch – bezähmbar. Wir werden diese These an zahlreichen Fällen prüfen, solchen, die unmittelbar einsichtig von Menschen verursacht worden sind und solchen, die scheinbar aus den Urgewalten der Erde resultieren. Folglich ist dreierlei hier weiter zu untersuchen – und daraus ergibt sich ein Ansatz für eine Typologie und das Gliederungsprinzip für dieses Buch:

* Drei Krisentypen

* Typ 1 (Teil 1) umfasst die isolierten Naturereignisse, vor deren entsetzlichen Folgen wir fassungslos stehen, die unvermeidbaren, weil naturgegebenen Katastrophen, denen wir schutzlos ausgeliefert sind, die wir nur erdulden können. Das sind die Urgewalten der Erde, eines Planeten, der in erdgeschichtlichen Dimensionen lebt, sich verändert. Es gibt Erdbeben, Vulkanausbrüche, Tsunamis usw., weil die Dynamik in der Plattentektonik der Erde nicht an ihrem Ende angekommen, weil die Erdkruste dünn und verletzlich ist, weil die Erde ein winziges Staubkörnchen im Weltall ist, das ein zufälliger Meteoriteneinschlag auslöschen könnte. Durch menschliche Eingriffe in die Natur, wie z.B. Prozesse der Rohstoffentnahme aus dem Erdinneren (Bergbau, Ölförderung) werden diese Bodenerschütterungen gefördert. Nicht auf ihre Ursachen, allenfalls auf ihre Folgen haben wir Einfluss. Allerdings wissen wir, in welchen Regionen der Erde die Wahrscheinlichkeit solcher Ereignisse hoch, in welchen sie gering ist. Vorhersage ist in Grenzen, Vorsorge in jedem Fall möglich. Für diesen Typ ist immerhin die Vielfalt der menschlichen Reaktionsmöglichkeiten von Belang, die helfen können, die Folgen unabwendbarer Ereignisse abzumildern.

Die Untersuchung zeigt, dass funktionierende Frühwarnsysteme und Evakuierungspläne tausende von Opfern und Milliarden an Sachschäden hätten vermeiden können. Die eigentliche Naturkatastrophe, die von Menschen unbeeinflusst über uns hereinbricht, existiert zwar, aber sie ist unter allen Umweltkatastrophen die Ausnahme. Immerhin ist auch hier dank der fortgeschrittenen Diagnostik der Wissenschaft zwar nicht vollständiger, aber weitgehender Schutz möglich.

* Typ 2 (Teil 2) enthält die schleichenden Entwicklungen, die uns wie naturgegeben erscheinen, gesteuert von unbeherrschbaren Naturkräften, die aber tatsächlich Folgen eines langfristig gedankenlosen menschlichen Handelns und oftmals vorhersagbar sind. Prototypen: der Klimawandel und alles, was damit zusammen hängt; oder Artensterben; oder Erschöpfung der Rohstoffe, der fossilen Primärenergien, des Süßwassers. Wirbelstürme, Überschwemmungen, Dürren, Waldbrände wären diesem Typ zuzuordnen. Umfangreiche Waldrodungen, die Überfischung der Meere, die Zerstörung großer Bodenflächen durch Altlasten, die Vergiftung der Meere durch versenkte Waffen, die Atomwaffentests gehören hierher. Sie alle stehen für langsame Prozesse der Naturzerstörung, deren Folgen seit vielen Jahren vorhergesehen werden, die wir aber dennoch nicht aufhalten.

* Typ 3 (Teil 3): Aber es gibt auch Umweltkatastrophen, die überhaupt nur eintreten können, weil Menschen auf unvorsichtige, verantwortungslose, gewissenlose Weise handeln. Sie wären grundsätzlich vermeidbar, wenn wir dem precautionary principle, dem Prinzip der größten Vorsicht, folgen und Risiken nach vernünftigem Ermessen vermeiden würden. Der Prototyp ist die Atomenergie, aber das gilt auch für Tankerunglücke, Chemie- und Ölunfälle. In diesen Fällen wissen wir, dass wir Risiken eingehen, und halten dennoch die erzielbaren Ergebnisse für lohnend, für „den Preis wert“. Die Fälle, die wir hier untersuchen, haben mit dem systemischen, grundsätzlich nicht beherrschbaren Charakter von Großtechnologie zu tun – aber auch mit Sparzwängen und Kostendruck, Rücksichtslosigkeit, skrupelloser Profitgier. Hier werden die Vorteile Weniger durch das Risiko der Vielen erkauft.

* „Bomb now, die later“

Den vierten Typ, der sich in dieser Logik aufdrängt: Die Katastrophen, die Menschen bewusst, willentlich und geplant über andere bringen, die Katastrophen, deren Prototyp der Krieg ist, schließen wir aus der Betrachtung dieses Buches aus, wohl wissend, dass die Grenzen fließend sind. Jeder Krieg ist immer auch eine Umweltkatastrophe: Hiroshima und Nagasaki, Vietnam, angereichertes Uran im Irak stehen beispielhaft dafür. „Die meisten gefährlichen Stoffe, die in die Umwelt gelangen, wirken lange, Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach Kriegsende, weiter. In einzelnen Fällen sogar Jahrtausende oder Jahrmillionen, wie Schwermetalle oder Komponenten von Munition, die so genannte Uranmunition. Angereichertes Uran hat eine Halbwertszeit von viereinhalb Milliarden Jahren. Die Formel eines Umweltkrieges lautet: ‚Bomb now, die later’“.

Umweltkriege sind meist Rohstoffkriege, um die Kontrolle über Öl, über Wasser. Aber Umweltzerstörung kann auch ein Mittel sein, um dem Gegner zu schaden. Es sind nicht nur Politiker, sondern gerade auch Wissenschaftler, die sich jeder ethischen Verpflichtung zum Trotz dafür hergeben, mit atomaren, biologischen, chemischen oder elektronischen Mitteln möglichst effizient und kostengünstig möglichst viele andere umzubringen, eine Perversion, derer sich nur eine einzige Spezies rühmen mag, die eben diese besondere Profession: die Menschentöter, hervorgebracht hat. Aber es sei darüber nicht vergessen, dass es eben gerade Politiker sind, denen Menschen im Vertrauen auf Besserung ihrer Lebensbedingungen ein Mandat und damit die Macht gegeben, die besonders skrupellos die Schicksale Hunderttausender aufs Spiel setzen. Je „höher“ die Ebene, so könnte man vermuten, desto entmenschlichter, desto gewissenloser ihre Führung. Die Fälle mehren sich, in denen diese „Führer“ jahrzehnte-, ja jahrhundertelange Schädigungen unzähliger anderer in Kauf nehmen, ohne dafür jemals zur Rechenschaft gezogen zu werden, obgleich wir alle sie kennen, obgleich wir dafür zuständige Gerichte geschaffen haben.

* Destruktive Konsequenzen der Ökonomie

Aber, wie gesagt: diese Ebene ist nicht Gegenstand unseres Buches.
Die Katastrophen des Typs 1 lassen sich ihrer Ursache nach nicht verhindern. Aber sie lassen sich in Grenzen vorhersagen, es lassen sich Risikozonen definieren, Vorsorgemaßnahmen zum Schutz der Bevölkerung planen und vorbereiten, Lager einrichten mit Zelten und Decken, die nötigen Geräte für Trinkwasseraufbereitung und medizinische Versorgung vorhalten. All dies ist im Wesentlichen eine staatliche Aufgabe, für die Regierungen verantwortlich sind.

Typ 2 und Typ 3 behandeln Umweltkatastrophen, die durch „wirtschaftliches Handeln“ entstehen. Nun ist es zwar nicht falsch, greift aber zu kurz, wenn man dies nur unter der Optik „Profitgier“ analysiert. Wäre die persönliche Bereicherung Einzelner der alleinige Grund für umwelt- und gesellschaftsschädliches Handeln, dann würde es genügen, die Profitgierigen wie andere Kriminelle vor Gericht zu stellen, und das Problem würde sich mit der Zeit lösen. Damit freilich würden die strukturellen Bedingungen eher verdeckt als erhellt, unter denen „die Wirtschaft“ (die es so als einheitlichen Akteur natürlich auch nicht gibt), d.h. vor allem die großen transnationalen und in der Regel börsennotierten Unternehmen, handelt. Solche Unternehmen befinden sich regelmäßig im Eigentum von institutionellen Anlegern (Beteiligungsgesellschaften, Fonds, Banken, Versicherungen) mit mehr oder weniger großem Anteil von Streubesitz in privaten Händen.

Gemeinsam ist diesen Eigentümern, dass sie meist mehr oder gar ausschließlich am kurzfristigen Gewinn – und das ist heute weniger die Dividende als die Kurssteigerung – interessiert sind als am operativen Geschäft oder der langfristigen Entwicklung dieser Unternehmen. Dem Management, das unter solchen strukturellen Bedingungen handelt, bleibt in der Regel kaum etwas anderes übrig, als im Zweifel „profitgierige“ Entscheidungen zu treffen, wenn es denn die eigene Position erhalten und ausbauen will, zumal wenn es selber durch Aktienoptionen belohnt wird. Gerade das macht die Dominanz des shareholder value aus. Das Argument soll nicht dazu dienen, den einzelnen Akteur der gesellschaftlichen Verantwortung dafür, was er tut, zu entbinden. Aber es ist wichtig zu verstehen, dass dabei die persönliche Präferenz, Information oder Ethik nur ein Faktor unter anderen sind, um ihr Handeln zu verstehen. Es ist „das System“, also die Art gesellschaftlicher Organisation, die wir uns seit der Mitte der 1970er Jahre geschaffen haben, die Wirtschaft und Gesellschaft in diese destruktive Richtung drängt.
Fortsetzung folgt

Veröffentlicht: 28.8.2011

Empfohlene Zitierweise: Bernd Hamm, Umweltkatastrophen - Eine Typologie (I), in: Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung (W&E), Luxemburg, 28. August 2011 (www.weltwirtschaft-und-entwicklung.org)

* Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann klicken Sie bitte >>> hier.


Share |





Lesen Sie in diesem Beitrag:

Umweltkatastrophen - der innere Zusammenhang
Von Menschen gemacht
Drei Krisentypen
Bomb now, die later
Destruktive Konsequenzen der Ökonomie


*) Über den Autor

Prof. Dr. Bernd Hamm ist Hochschullehrer für Soziologie (em.) an der Universität Trier und Mitherausgeber des Informationsbriefs Weltwirtschaft & Entwicklung. Das Buch erscheint unter dem Titel "Umweltkatastrophen" zur Buchmesse im Metropolis-Verlag im Oktober 2011 in Marburg.


Mehr zum Thema:

>>> Das Klimaregime am Rande des Abgrunds
>>> Umwelt und Entwicklung: Umdenken nach zwei verlorenen Jahrzehnten

* Passwort vergessen? E-Mail-Anfrage an >>> W&E-Vertrieb stellen.
* Bitte beachten Sie auch unsere >>> aktuellen Angebote.
* W&E
>>> abonnieren






Share food, change lives





Globalisierung im Krisenmodus / Lateinamerikas trügerisches Jahrzehnt

Seite drucken

Nach oben

Impressum Widerrufsrecht AGB Datenschutz RSS-Feeds W&E-Sitemap