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Spekulation: Die neue Normalität nicht hinnehmen!

Lebensmittelpreise bleiben hoch und volatil

In dem Ende März 2013 erschienenen Food Price Watch-Bericht stellt die Weltbank fest, dass die Preise für Grundnahrungsmittel trotz eines leichten Rückgangs weiterhin auf einem sehr hohen Niveau verharren, lediglich neun Prozent unter den historischen Höchstständen vom August 2012. Der vorherige Food Price Watch-Bericht vom November 2012 beschrieb bereits eine „neue Normalität“ an den Lebensmittelmärkten, die durch hohe und gleichzeitig volatile Preise charakterisiert ist. Ein Kommentar von Ingo Bordon und Ulrich Volz.

 

Die anhaltend hohen und volatilen Nahrungsmittelpreise verursachen laut Weltbank nicht nur Hunger und Unterernährung, sondern auch Fettleibigkeit. Viele Menschen sehen sich angesichts der hohen Preise gezwungen, sich für billigere, weniger nahrhafte Lebensmittel für ihre Familien zu entscheiden. Menschen mit niedrigem Einkommen treffen die Preisanstiege besonders hart, denn sie geben einen außerordentlich hohen Anteil ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus. In Folge der Nahrungsmittelpreiskrise von 2007/2008 – die zu sozialen Unruhen in Ländern wie Ägypten, Bangladesch, Indonesien, Mexiko, Marokko, den Philippinen, dem Senegal und Tunesien geführt hat – stieg die Zahl der in extremer Armut lebenden Menschen laut Schätzung der Weltbank um etwa 130 bis 155 Millionen. Damals erreichten die Preise für Grundnahrungsmittel einen 30-jährigen Höchststand. Seitdem sind die Preise weiter gestiegen.

Auch wenn die Nahrungsmittelpreiskrise somit inzwischen zur unschönen „Normalität“ geworden ist, werden die Ursachen nach wie vor kontrovers diskutiert. Zum Teil können die Preisentwicklungen durch fundamentale, realwirtschaftliche Faktoren erklärt werden. Dazu zählen die wachsende Nachfrage nach Lebensmitteln aus den Schwellenländern, die Produktion von Biokraftstoffen oder die spezifischen Angebots- und Nachfragebedingungen einzelner Agrarrohstoffe. Auch der schwache Wechselkurs des US-Dollars, in dem die meisten Rohstoffe einschließlich Lebensmittel gehandelt werden, ist ein Faktor.

Die hohe Volatilität der Preise kann jedoch allein mit diesen Einflussgrößen nicht erklärt werden. Auch wenn dies von Vertretern der Finanzindustrie und einigen Ökonomen, die immer noch der Illusion vollkommen effizienter Märkte unterliegen, nach wie vor vehement abgestritten wird: Es ist kein Zufall, dass die Preisanstiege und die Zunahme der Preisvolatilität zeitlich zusammenfallen mit den Deregulierungsmaßnahmen an den Rohstoffmärkten, wie dem in den USA zur Jahrtausendwende verabschiedeten Commodities Futures Modernization Act. Die Liberalisierung führte zu einem Anstieg der Finanzvolumina mit spekulativem Hintergrund. Die Hinweise darauf, dass die Preisentwicklung in den Lebensmittelmärkten mit der Finanzialisierung der Rohstoffmärkte – also einem Übergewicht finanzieller gegenüber realwirtschaftlichen Transaktionen – zusammen hängt, verdichten sich zunehmend. Die deutliche Zunahme der Volumina an Warentermingeschäften für Agrarrohstoffe ging in den letzten Jahren sowohl mit dem dramatischen Anstieg der Preise als auch den drastischen Preisschwüngen einher.


Widerspruch gegen die Mainstream-Ökonomen

In den letzten Monaten wurde öffentlich darüber gestritten, welchen Einfluss die Spekulationen mit Nahrungsmitteln auf die Preise für Grundnahrungsmittel wie Weizen und Mais haben und ob diese Art der Finanzmarktprodukte den Hunger in der Welt verschärft. Die Welthungerhilfe hat dazu eine klare Position: Preissteigerungen und Preisschwankungen sind ein Risiko für gesicherte Ernährung in vielen Ländern. Diese Meinung vertreten auch Wissenschaftler der Weltbank und der Vereinten Nationen, des Internationalen Forschungsinstituts IFPRI und des Zentrums für Entwicklungsforschung der Uni Bonn. Eine breite Öffentlichkeit fordert von den Banken den Ausstieg aus den fraglichen Agrarfinanzprodukten. Nach der Commerzbank haben sich auf internationaler Ebene auch Barclays Bank und BNP Paribas aus diesen Geschäften zurückgezogen. Die Deutsche Bank und die Allianz hingegen haben den Handel mit Agrarfinanzprodukten wieder aufgenommen und dafür Rückendeckung von Wissenschaftlern bekommen.

Professor Hans-Heinrich Bass, Autor einer im Auftrag der Welthungerhilfe 2011 veröffentlichten Studie zur Nahrungsmittelspekulation, hält dagegen: Die Argumente der Spekulationsbefürworter stünden auf tönernen Füßen. Zudem könne die Politik nicht bis zum Sankt Nimmerleins-Tag auf einen wissenschaftlichen Konsens warten. Sie müsse Entscheidungen auch unter Unsicherheit und in Abwägung unterschiedlicher Interessen treffen. Eine Eindämmung der exzessiven Spekulation auf den Nahrungsmittelmärkten allein werde das Problem des Hungers in der Welt nicht lösen, ermögliche aber eine schnell umsetzbare und nahezu kostenfreie Entlastung der Märkte.

Lesen Sie dazu die Entgegnung auf die wissenschaftlichen Helfershelfer der Deutschen Bank >>> hier.



Spekulation ist nicht grundsätzlich schlecht. Ein weniger risikofreudiger Marktteilnehmer, beispielsweise ein Bauer, dessen Ernte näher rückt und der sich gegen die nicht vorhersehbare Preisentwicklung seiner Weizenernte absichern möchte, trifft eine Vereinbarung am Terminmarkt über den zukünftigen Verkauf seiner Ernte zu einem festgelegten Preis. Der Lebensmittelproduzent, der auf die Ernte des Bauern als Rohstoff angewiesen ist und die Preisentwicklung ebenso wenig abschätzen kann, wird am Terminmarkt eine Vereinbarung über den Kauf des Weizens und dessen Lieferung zu einem bereits heute vereinbarten Preis festlegen. Beide benötigen jedoch einen Vertragspartner, einen Spekulanten, der das Preisrisiko auf sich nimmt. Spekulanten bieten also all jenen, die sich absichern wollen, einen Markt. Diese Form der Spekulation basiert auf fundamentalen Angebots- und Nachfragebedingungen und trägt zur Vermeidung der Intensität und Häufigkeit von Preisausschlägen bei.

Die Strategie der Index-Fonds im Bereich der Nahrungsmittel- und Rohstoffmärkte ist aber eine gänzlich andere. Hierbei geht es nicht um den physischen Erwerb des Basiswertes, wie z. B. den Kauf einer Tonne Weizen vom Bauern, sondern um die Abbildung von Preisentwicklungen. Dazu werden u. a. Warenterminkontrakte an den Terminbörsen gekauft, deren Anhäufung zu einem Preisdruck an den sogenannten Kassamärkten führt. An diesen findet die Abwicklung eines Geschäfts im Gegensatz zu den Terminmärkten unmittelbar nach dessen Abschluss statt. Nun kann mit Recht argumentiert werden, dass diese Vorgehensweise des Nachzeichnens von Preisentwicklung einen wichtigen Anteil der notwendigen Liquidität der Märkte liefert. Führt aber eine exzessive Nachfrage zu einem permanent steigenden Preis am Terminmarkt, der darüber hinaus den Kassapreis systematisch übersteigt, so neigen diese Märkte zur Überhitzung und senden erratische Preissignale aus. Spekulation, bei der die Handelsvolumina an den Terminmärkten die tatsächlich geerntete und nachgefragte Menge um ein Vielfaches übersteigen, wirkt folglich hinsichtlich der Preisbewegungen verstärkend, in die eine oder in die andere Richtung. Die Preisanstiege von virtuell in den Finanzmärkten gehandelten Lebensmitteln können somit die Preise real gehandelter Lebensmittel beeinflussen. Die resultierende hohe Volatilität sendet schwer zu deutende Preissignale an Bauern und kann in der einen Phase zu Unter- und in der anderen zu Überproduktion führen sowie mögliche Fehlanreize für Hortung und Lagerhaltung setzen, die ihrerseits zusätzlich preisverzerrend wirken können.

Das Problem ist nicht der Terminhandel an sich, sondern vielmehr die Volumina und die Marktkonzentration in diesem Segment. Je mehr der Grundnahrungsmittelmarkt zu einem Feld für Finanzspekulationen wird, desto mehr entfernt sich die Preisbildung von ihren fundamentalen Bestimmungsgrößen – und desto größer sind die Auswirkungen auf die Preise für Lebensmittel, die letztlich uns alle betreffen. Selbst wenn spekulative Geschäfte nicht als ausschließliche Ursache für die Preisspitzen in den Lebensmittelmärkten identifiziert werden können, liegt es auf der Hand, dass sie die Preisschwünge verstärken und die Unsicherheit erhöhen. Eine angebliche Markteffizienz und Renditeversprechen dürfen den Schutz der Lebensgrundlage nicht unterlaufen. Die neue „Normalität“ ist nicht hinnehmbar. Zügellose Nahrungsmittelspekulation gehört verboten.

Ingo Bordon, Wissenschaftlicher Mitarbeiter in Abteilung „Weltwirtschaft und Entwicklungsfinanzierung“, Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE); Dr. Ulrich Volz, Senior Lecturer an der School of Oriental and African Studies (SOAS), University of London und Wissenschaftlicher Mitarbeiter in Abteilung „Weltwirtschaft und Entwicklungsfinanzierung“, Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE).

Veröffentlicht: 17. April 2013

Empfohlene Zitierweise:
Ingo Bordon/Ulrich Volz, Spekulation: Die neue Normalität nicht hinnehmen, in: Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung (W&E), Luxemburg, 17.4.2012 (www.weltwirtschaft-und-entwicklung.org)

Weitere Beiträge zum Stichwort Nahrungsmittelspekulation finden Sie >>> hier.


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