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Weinen um Nepal

Von Gabriele Köhler*)

Man rechnete immer damit – Nepal hat ein Erdbeben erwartet und sich mindestens ein Jahrzehnt darauf vorbereitet, das öffentliche Bewusstsein geschärft, die Gebäude verstärkt und Rettungsübungen durchgeführt. Doch niemand stellte sich diese Größenordnung vor, 7,9 auf der Richterskala, und niemand hätte so viele, zusätzliche Zerstörung bringende Nachbeben erwartet.

Bereits am zweiten Tag wurden 2.200 Tote gezählt, begraben unter eingestürzten Gebäuden. Wie immer bei solchen Katastrophen sind die am meisten Betroffenen die Jüngsten, die Ärmsten und die in abgelegenen Gegenden Lebenden: Kinder, die durch enge Gassen laufen, arme Menschen, die in den modrigen, niedrigen Ziegelbauten der alten Städte leben, Menschen in weit entlegenen Bergdörfern, Menschen, die zu Fuß unterwegs sind.

Für Ausländer, die eine Zeit ihres Lebens in Kathmandu verbrachten, ist der Schrecken sehr gegenwärtig – sehr bewegend, weil man ängstlich auf Nachrichten von Freunden und Kollegen wartet. Er ist gegenwärtig auf eine sehr persönliche Art, weil man denkt „Es hätte auch geschehen können, während ich dort lebte“ – es gab monatliche Übungen zur Vorbereitung auf Erdbeben, obligatorische Trinkwasser- und Nahrungsmittelvorräte im Haus, festgelegte Versammlungspunkte in Städten, die man finden würde, selbst wenn man durch Berge von Trümmern hätte gehen müssen. Niemals sprach jemand von Leichen, wenn wir diese Übungen abhielten. Jetzt sind es Leichensäcke, die das nepalesische Krisenzentrum am dringendsten braucht.

Auch intellektuell ist der Horror allgegenwärtig: Man weiß, wie arm Nepal ist. Es ist eines der am wenigsten entwickelten Länder der Welt, und das ärmste, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, in Asien. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung kämpft mit weniger als 2 Dollar pro Tag ums Überleben. Jedes Jahr wandert deshalb ein Viertel der jungen Männer aus, um ausbeuterische Jobs in Indien oder am Golf zu erledigen. 40% der Kinder unter fünf Jahren sind chronisch unterernährt, und Frauen, die aus Dörfern vom Lande kommen, im informellen Sektor arbeiten oder einen religiösen Hintergrund haben, können immer noch nicht lesen. Soziale Ausgrenzung und Geschlechterdiskriminierung sind der Gesellschaft inhärent, die auf einem rassistischen Kastensystem beruht. Die Regierung ist schwach. 18.000 Menschen kamen in einem Bürgerkrieg um, der noch nicht so lange zurückliegt.

Doch Nepal ist auch ein Land, das trotz des Schicksals wiederholter Tragödien hart daran arbeitet, ein „neues Nepal“ aufzubauen mit einer inklusiven Gesellschaft, einem demokratischen säkularen politischen System, lautstarken Medien, einer Zivilgesellschaft und einer starken innovativen Sozialpolitik. Ein Land, das vielsprachig und tolerant ist und alle die willkommen heißt, die zu Besuch kommen oder bleiben wollen.

Der persönliche, subjektive Schrecken der Beobachterin von außen, die Traurigkeit angesichts eines weiteren, ungeheuren Rückschlags für dieses stolze, schöne und entschlossene Land sind nichts im Vergleich zu den Traumata, dem Leid und dem Schock unserer Freunde in Nepal. Für den Moment bleibt uns zu weinen. Diejenigen im Land haben dafür keine Zeit.

*) Gabriele Köhler, München, ist Entwicklungsökonomin. Sie lebte und arbeitete in Nepal von 2005-2009. Siehe auch: W&E 03-04/2014.

Empfohlene Zitierweise:
Gabriele Köhler, Weinen um Nepal, in: Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung (W&E), Luxemburg, 27. April 2015 (www.weltwirtschaft-und-entwicklung.org)


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