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Enwezor - Der Kurator der Befreiung

Zum Tod von Okwui Enwezor

Mit nur 55 Jahren ist am 15. März 2019 der bekannte Kurator zeitgenössischer Kunst, Okwui Enwezor, nach jahrelangem Kampf mit dem Krebs verstorben. Geboren 1963 in Calabar in Südnigeria, ging er 1982 nach New York und begann seit den 1990er Jahren mit der regelmäßigen Kuratierung von Ausstellungen. Er schaffte es bis an die Spitze der größten Ausstellungen der Welt, darunter 2015 der Biennale von Venedig (W&E 07-08/2015), 2008 der Biennale von Gwangju und 2002 der Documenta in Kassel (W&E 07-08/2002). Von Rainer Falk.

 

Von 2011 bis zu seinem Rücktritt aus Gesundheitsgründen im letzten Juni war Enwezor Direktor des Hauses der Kunst in München. Okwui Enwezor war für viele der einflussreichste Kunstkurator der letzten drei Jahrzehnte. Sein Beitrag zur Schaffung eines breiteren Kanons zeitgenössischer Kunst war enorm. Zugleich war er der erste nichteuropäische Kurator der Documenta und der erste in Afrika geborene Kurator der Biennale von Venedig.

● Kunst im Dialog

In einem Interview mit “Freunde von Freunden” fasste Enwezor die Zukunftsperspektiven der kuratorischen Praxis und der westlichen Kunst, wie er sie sah, zusammen: „Eine neue, aufstrebende Generation von Kuratoren und Museumsleuten ist im Kommen. So hat Maria Balshaw, die neue Direktorin der Tate London, Ausstellungen über zeitgenössische afrikanische Kunst gemacht. Ich hoffe, solche Leute geben den Institutionen die Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie die Narrative von Gesellschaften mit kolonialen Angliederungen, die notwendigerweise gemischte Gesellschaften sind, miteinander verflochten sind. Wenn wir offen sind, muss westliche Kunst nicht in Gegensatz zu Kunst von anderswo gesehen werden, sondern im Dialog, der dabei hilft, die Unterschiede und Entscheidungen zu bewahren, die das Material, die Umstände und die Produktionsbedingungen präsentieren, in denen Künstler ihre Sicht dessen entwickeln, was Aufklärung sein könnte.“

Bevor er die Leitung des Hauses der Kunst von Chris Dercon übernahm, hatte Enwezor eine Reihe von Funktionen inne, u.a. war er stellvertretender Kurator am International Center of Photography in New York (wo er die bahnbrechende südafrikanische Foto-Ausstellung „Aufstieg und Fall der Apartheid“ kuratierte) und Dean für akademische Angelegenheiten am San Francisco Art Institute.

Okwui Enwezor beinahe rastlosen Aktivitäten waren wohl die einzigen eines Kunstorganisators, die auch in einem Informationsbrief wie Weltwirtschaft & Entwicklung interessiert beobachtet wurden. Es begann mit der Schau, die Enwezor noch vor seinem Amtsantritt im Münchner Haus der Kunst organisierte (s. W&E 03-04/2001): Der von dem großen britischen Historiker Eric Hobsbawm entlehnte Ausstellungstitel „Das kurze Jahrhundert“ bezog sich auf die kurze historische Zeitspanne, die mit dem V. Panafrikanischen Kongress in Manchester begann und mit den ersten demokratischen Wahlen 1994 in Südafrika zu Ende ging. Es war die ‚heroische‘ Phase der afrikanischen Unabhängigkeits- und Befreiungskämpfe, in der die afrikanischen Völker der Reihe nach ihre staatliche Selbständigkeit erlangten.

● Gegen die Modetrends der Postmoderne

Das „zentrale Operationsprinzip dieser Ausstellung“, so schrieb er im Begleitkatalog, ist es, „die Verbindung zwischen den Unabhängigkeitsbewegungen und Befreiungskämpfen als Methode zur Erlangung der politischen Autonomie und des kulturellen Selbstbewusstseins der AfrikanerInnen zu untersuchen“. Anders formuliert: Es ging Enwezor vornehmlich um die Erforschung dessen, was er die ‚Modernity‘ Afrikas nannte, und um die Dokumentation des Einflusses der Unabhängigkeits- und Befreiungskämpfe auf neue Modelle kultureller Ausdruckskraft.

Mit diesem Ansatz setzte sich Enwezor bewusst und scharf von den zahlreichen Modetrends der ‚Postmoderne‘ ab, für die es am Beginn des 21. Jahrhunderts schon fast zum Allgemeinplatz geworden ist, „die dramatischen Prozesse der Entkolonialisierung, von Indien bis Indonesien, von Ghana bis Kenia, von Ägypten bis Jordanien, von Algerien bis Kongo, zu ignorieren“.

Diese Leitgedanken schienen in vielen herausragenden Ausstellungen auf, die Enwezor organisierte, so in „In/sight: African Photographers, 1940 to the Present“ 1996 in einer Außenstelle des Guggenheim-Museums in Manhatten oder in der 2. Ausgabe der Johannesburg-Biennale 1996/97 oder auch 2012 auf der Triennale des Palais de Tokyo in Paris. Zu erwähnen wäre auch die 2016/2017 im Haus der Kunst ausgerichtete Jahrhundertschau „Postwar: Art Between the Pacific and the Atlantic, 1945-1965“. Sein letztes kuratorisches Projekt war die Retrospektive des Ghanaischen Künstlers El Anatsui, die erst kurz nach seinem Tod eröffnet wurde und die viele Züge eines Vermächtnisses Enwezors trägt.

Wohl für immer werden mit Enwezors Namen zwei Großereignisse verbunden bleiben, die seine Handschrift trugen, die XI. Documenta in Kassel 2002 und die Biennale von Venedig im Sommer 2015. Beide stehen wie Enwezor für die Verbindungen zwischen Kunst, Globalisierung und Befreiung. Während in Kassel die Globalisierung erstmals glaubwürdig abgebildet wurde, stand die Venedig-Biennale dafür, wie ein langjähriges Großevent zu einem „globalen Parlament der Formen“ gemacht werden kann.

● Kapital – das große Drama

Enwezor war nicht nur der erste afrikanische Kurator der Biennale. Es präsentierte dem Publikum auch etwas, das dieses auf einer vergleichbaren Kunstschau noch nicht gesehen hatte. Im Zentrum der Ausstellung lief eine Dauerperformance, in der Schauspieler ununterbrochen „Das Kapital“ von Karl Marx vorlasen – alle vier Bände (wenn man die „Theorien des Mehrwerts“ als 4. Band ansieht), von vorne bis hinten, Zeile für Zeile, Abschnitt für Abschnitt, und wenn alles vorgetragen war, begann die Lesung wieder von Neuem.

Das Motto der Biennale lautete „All the Worlds Futures“ (etwa: „Alle Zukünfte der Welten“). Doch erst einmal musste der gegenwärtige „state of things“, der Stand der Dinge, reflektiert werden. Und hier „ist das Kapital das große Drama unserer Zeit“, sagte Enwezor. „Heute lastet nichts schwerer auf jeder Sphäre der Erfahrung, von den räuberischen Verhältnissen der politischen Ökonomie bis zur Gier der Finanzindustrie. Die Ausbeutung der Natur durch ihre Kommodifizierung als natürliche Ressource, die wachsenden Strukturen der Ungleichheit und die Schwächung des breiteren Gesellschaftsvertrags“, all das verlange unweigerlich nach Veränderungen. Und: „Wir können nicht über Ungleichheit nachdenken, ohne über Kapital zu sprechen.“

In einem Interview mit dem Galleristen Michele Maccarone fasste Enwezor zusammen: „Wo sind heute die Räume für die Art künstlerischer Produktionsprozess, der heimatlos ist in den Institutionen und Märkten? Wo kann dieser stattfinden? In den Vereinigten Staaten mit ihrer vollständigen Zerstückelung und Ausrottung von sog. ‚authentischen‘ Räumen haben wir gesehen, wie die kulturelle Ökologie verschwindet. So scheint es mir, dass kein Raum bleibt für diese Art heimatloser Ideen, wenn die Biennalen zu stark institutionalisiert werden oder wenn wir anfangen, die Grenzen zwischen Biennalen und Kunstmessen einzureißen. Deshalb werde ich immer für Biennalen als Räume kämpfen – diese zeitweisen Strukturen sind fragil, aber zugleich in der Lage, Ideen auf der Flucht aufzunehmen und sie wirksam werden zu lassen für ein Publikum, wo immer dieses herkommen mag.“

***
„Für den großen Erneuerer Okwui Enwezor war Kunst stets ein Katalysator für politische Befreiung“, schrieb die Süddeutsche Zeitung zu seinem Tod. „Zumindest München dankte ihm diesen Ansatz nicht.“

Hinweis:
* Die im Text erwähnte Retrospektive von El Anatsui „Triumphant Scale“ im Münchner Haus der Kunst läuft noch bis zum 28.7.2019 (hausderkunst.de)

Posted: 10.5.2019

Empfohlene Zitierweise:
Rainer Falk, Enwezor - Der Kurator der Befreiung. Zum Tod von Okwui Enwezor, in: Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung (W&E), Luxembourg, 10.5.2019 (www.weltwirtschaft-und-entwicklung.org)


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