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Der Vater der Weltsystemtheorie ist tot

In Memoriam Immanuel Wallerstein

Am 31. August 2019, einen Monat vor seinem 89. Geburtstag, ist Immanuel Wallerstein verstorben. Damit verlieren wir einen linken – an Marx angelehnten – Theoretiker, Sozialwissenschaftler und Historiker, der in den letzten vier Jahrzehnten vielen Disziplinen zahlreiche Impulse gegeben und wichtige Debatten angestoßen hat. Ein Nachruf von Dieter Boris.

 

Wallersteins Name ist vor allem mit der sog. Weltsystemanalyse verbunden, in der er die Entstehung und beständige Expansion des kapitalistischen Weltsystems vom 16. bis ins 19. Jahrhundert (vier Bände) analysierte und dieses als ökonomisch eng zusammenhängendes Geflecht, das aber gleichzeitig politisch durch Nationalstaaten voneinander abgetrennt ist, begriff.

● Weltsystem- gegen verengte Nationalstaatsperspektive

Infolge von asymmetrischen und hierarchischen Beziehungen zwischen einem Zentrum, einer Semi-Peripherie und einer Peripherie, denen jeweils verschiedene Staaten angehören, ist dieses Weltsystem stets in Bewegung. Diese bewirkt beständige mittel- und längerfristige Auf- und Abstiegsprozesse, die freilich umkämpft sind. Sie werden durch nationalstaatliche Gewalt (militärisch), politische Dominanz und ökonomische einseitige Transferprozesse (z.B. „ungleichen Tausch“ zwischen unterschiedlich entwickelten und produktiven Ländern) vermittelt.

Wallerstein vertrat mit einiger Überzeugungskraft seine Kernthese, dass die jeweiligen Länderentwicklungen und die in ihnen stattfindenden Hauptereignisse nicht ausreichend verstanden werden können, ohne den determinierenden Hintergrund des kapitalistischen Weltsystems von vornherein einzubeziehen. Zu dieser Einsicht war er durch seine anfänglichen historischen Studien zu einzelnen afrikanischen Ländern gelangt; bestärkt wurde er in dieser Sichtweise im weiteren Lauf der Zeit durch teilweise Rezeption und Auseinandersetzung mit den lateinamerikanischen „Dependenztheorien“ der 60er und 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts sowie durch Übernahme historischer Analysekategorien der französischen Annales-Schule (vor allem Fernand Braudels).

Auch wenn man nicht mit allen Einzelpunkten dieses Konzepts übereinstimmt, ist nicht zu leugnen, dass die Grundidee des „kapitalistischen Weltsystems“ und der Aufweis der in ihm waltenden – kurz- und langfristigen – Krisenmomente originell und weiterführend gewesen sind, da sie die verengte nationalstaatliche Betrachtungsweise – manche sprechen von einem „methodologischen Nationalismus“ – als unzureichend zurückweisen konnten.

Engagierter Linker

Der einem deutsch-jüdischen Elternhaus aus dem Bildungsbürgertum entstammende Wallerstein, dessen Eltern rechtzeitig – vor seinem Geburtsjahr 1930 – aus Deutschland emigrierten, studierte seit Ende der 1940er Jahre Soziologie, Geschichte, Politikwissenschaften sowie Ethnologie und spezialisierte sich zunächst auf afrikanische Länder.

Wallerstein lehrte an verschiedenen Universitäten in den USA und Kanada – neben Gastprofessuren in aller Welt – und veröffentlichte Studien über recht unterschiedliche Themen; so z.B. Reflexionen über eurozentristische Traditionen in den Sozialwissenschaften, Analysen über „Rasse, Klasse und Nation“ (mit Etienne Balibar), zu Niedergangsprozessen der US-Dominanz in Wirtschaft und Politik, zu sozialen, antisystemischen Bewegungen und zu vielem anderem. In seinem 1998 (deutsch: 2002) erschienen Band „Utopistik. Historische Alternativen des 21. Jahrhunderts“ diskutiert er – neben der gegenwärtigen Krise des Weltsystems – die möglichen Grundlinien einer „historischen Übergangsperiode“ und Grundzüge denkbarer Alternativen, über die wir uns mehr Klarheit verschaffen müssten, um die einzuschlagende Richtung beeinflussen zu können.

Neben seiner akademischen Tätigkeit und seinen Forschungen, die sich in über dreißig Monographien niederschlugen, hat er verschiedene Institutionen und Zeitschriften (mit-) begründet (z.B. das Fernand Braudel Center in Binghamton, State University New York), war von 1994 bis 1998 Präsident der „International Sociological Association“ und hat sich gleichzeitig in viele politische Diskussionen eingemischt und für die Linke engagiert; so war er z.B. auch ein aktiver Mitgestalter des „Weltsozialforums“, das lange Zeit als das Zentrum der neoliberalen Globalisierungskritik galt.

Die überragende Persönlichkeit Immanuel Wallersteins und seine eingreifende Präsenz auf vielen Feldern werden uns in Zukunft fehlen.

Prof. Dr. Dieter Boris ist Hochschullehrer (em.) für Soziologie an der Philipps-Universität Marburg und Mitherausgeber von W&E. Sein Nachruf erschien gleichzeitig in der „jungen welt“.

Posted: 8.9.2019

Empfohlene Zitierweise:
Dieter Boris, Der Vater der Weltsystemtheorie ist tot. In Memoriam Immanuel Wallerstein, in: Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung (W&E), Luxembourg, 8.9.2019 (www.weltwirtschaft-und-entwicklung.org)


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