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Weltwirtschaft: Aufschwung im Schneckentempo

Jede wirtschaftliche Phase hat ihre Spezifika. Doch der derzeitige Zyklus ist - gerade was das A und O kapitalistischer Entwicklung, das Wachstum, betrifft - hochgradig untypisch. Dank der Nachwirkungen der geplatzten Finanzblasen (s. auch W&E 10/2002 und 7-8/2003) verläuft die Erholung der Weltwirtschaft langsamer als jemals zuvor in der Nachkriegsgeschichte. Selbst in den USA mit der vergleichsweise stärksten Aufwärtstendenz unter den Zentren sind die Wachstumsraten nur halb so hoch wie in den ersten beiden Jahren der vorhergehenden Konjunkturaufschwünge. Von Rainer Falk.

Die Weltwirtschaft sieht sich im Herbst 2003 einer "größer werdenden deflationären Lücke gegenüber, die durch mangelnde globale Nachfrage erzeugt wird". Sowohl Arbeits- als auch Produktmärkte sind durch ein globales Überangebot gekennzeichnet - "mit zu vielen Gütern für zu wenig Käufer und zu vielen Arbeitern für zu wenig Jobs". So lautet die Diagnose des Sekretariats der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) im jüngsten Trade & Development Report (TDR; s. Hinweis), der Anfang Oktober erschien, jedoch von der hierzulande veröffentlichten Meinung (wieder einmal) kaum wahrgenommen wurde.


Zerbrechlicher Zyklus:

Nicht alle weltwirtschaftlichen Gutachten in diesem Herbst kommen zu einem so zugespitzten Urteil wie der UNCTAD-Report. Doch geht der Tenor dahin, daß die USA unter Bush Jr. aufgehört haben, als Lokomotive der Weltwirtschaft zu fungieren, während weder Europa noch Japan derzeit in der Lage sind, diese Rolle zu übernehmen. So bleibt der mäßige Aufschwung trotz unverkennbarer Erholungstendenzen für den World Economic Outlook des IWF "zerbrechlich". Die Weltbank beklagt in ihren neuen Global Economic Prospects (s. Hinweise) vor allem die wachsenden Haushalts- und Zahlungsbilanzdefizite der USA als Unsicherheitsfaktoren für die Weltkonjunktur. Für viele Beobachter ist keineswegs ausgemacht, ob sich die neue Börsenrally, die seit dem Frühjahr zu einer Korrektur der Aktienindices nach oben geführt hat, in einen Aufschwung der Realwirtschaft umsetzen wird.

Zwar hat die US-Regierung eine Verlängerung der Rezession durch eine weitere künstliche und kreditgestützte Ausweitung der privaten Konsumnachfrage vermieden. Aber mäßige Lohnsteigerungen, fallende oder stagnierende Beschäftigungszahlen und die rasch wachsende private und öffentliche Überschuldung zeigen, daß dies langfristig keine Lösung sein kann. Schon ist die Rede von der "double dip recession" und von der "jobless recovery" in die öffentliche Diskussion zurückgekehrt. Während die Beschäftigung in den ersten beiden Jahren früherer Aufschwungphasen in den USA jeweils um 4 Prozent zulegte, ist sie diesmal seit November 2001 kontinuierlich gefallen, und eine wirkliche Trendwende läßt auf sich warten.


Politik des schwachen Dollars:

Unter diesen Bedingungen hat sich die Bush-Administration offensichtlich darauf verlegt, an der Währungsschraube zu drehen, um ihre wirtschaftlichen Probleme auf Kosten der Außenwelt zu lösen. Seit geraumer Zeit wird in den USA der Chor derer wieder lauter, die das Hauptübel in dem hohen Handelsbilanzdefizit des Landes sehen und dafür die "falsch bewerteten" Währungen der Konkurrenten verantwortlich machen. Vor allem "China Bashing", das Herumhacken auf China, ist jetzt angesagt (so wie früher Japan der Sündenbock war). Seit die USA im Kommuniqué der G7-Finanzminister auf dem IWF/Weltbank-Treffen in Dubai Ende September die Sprachregelung von der notwendigen "Flexibilisierung" der Währungen durchgesetzt haben, ist nun nicht nur der Euro, sondern auch der Yen unter kräftigen Aufwertungsdruck geraten, während der US-Dollar an Wert verliert.

Die Strategie des schwachen Dollars läßt sich auf zweifache Weise erklären. Die simplere Variante lautet: Die USA wollen so ihr Handelsbilanzdefizit drücken und ihre Konkurrenten schädigen. Diese Hoffnung wird sich jedoch kaum erfüllen, da das Defizit zu einem großen Teil durch US-Konzerne selbst zu verantworten ist, die im Ausland produzieren (lassen), um von dort den US-Binnenmarkt zu beliefern. Tatsächlich sind rund 45 Prozent aller US-Importe in Wirklichkeit dem Intra-Konzern-Handel zuzurechnen. Lapidar hat deshalb kürzlich ein Vertreter der amerikanisch-chinesischen Handelskammer in Peking bemerkt, die feste Bindung der chinesischen Währung an den Dollar nütze vor allem den in China produzierenden US-Unternehmen.

Die andere Erklärung hat mit der Strategie des starken Dollars zu tun, die die USA in den 90er Jahren unter Bill Clinton und seinem Finanzminister Rubin verfolgten: Damals wurden mehr und mehr Regierungen überzeugt, ihre Finanzmärkte zu liberalisieren, was im allgemeinen zu Finanzkrisen, Währungskrisen oder zu einer Kombination von beidem führte. Im Gefolge der Krisen gingen in den betroffenen Ländern die Investitionen zurück, was die Furcht vor neuen Zahlungsbilanzdefiziten schürte und den starken Wunsch hervorrief, ausländische Währungsreserven aufzutürmen. Der sicherste Weg dies zu tun bestand darin, überschüssige Finanzmittel in dem Land mit der stärksten Volkswirtschaft und der größten Liquidität auf den Kapitalmärkten, also den USA, zu investieren. Wenn die leichtgläubigen Ausländer dann irgendwann nicht mehr dazu überzeugt werden können, die US-Ökonomie zu finanzieren, wird der Dollar abgewertet. Da die US-Verbindlichkeiten auf Dollars lauten, wären diese gegenüber dem Rest der Welt um so geringer, je größer die Abwertung ist. An diesem Punkt des Szenarios wären wir also jetzt angekommen: Der Abwertungstrend des Dollars wäre so gesehen nichts anderes als eine selbst vorgenommene Teilentschuldung der USA gegenüber dem Ausland. Die Kehrseite besteht allerdings darin, daß die negative Handelsbilanz nun immer weniger durch Kapitalzuflüsse von außen und eine positive Kapitalbilanz kompensiert werden kann.

Unabhängig davon, welcher der beiden Hypothesen man zuneigt - in beiden Fällen geht das dahinter stehende Kalkül nicht auf. Hinzu kommt nach Ansicht der UNCTAD-Ökonomen die ernste Gefahr, daß durch die aktuellen Währungsmanipulationen deflationäre Tendenzen und Arbeitslosigkeit zwischen den Hauptregionen der Weltwirtschaft lediglich umverteilt werden, ohne den weltwirtschaftlichen Aufschwung insgesamt zu beflügeln.


Handel und Kapitalexport sind keine Allheilmittel:

Ohne einen schnellen Aufschwung in den weltwirtschaftlichen Zentren muß auch die Aussicht auf einen neuen Schub des Welthandels und eine Wiederbelebung der Kapitalflüsse in den Süden skeptisch beurteilt werden. "Die schnelle Expansion des Handels und weitere Handelsliberalisierung hängen entscheidend von einer schnellen Erholung der Weltwirtschaft ab und nicht umgekehrt", warnt UNCTAD diejenigen, die in forcierter Liberalisierung das Allheilmittel sehen. Vor diesem Hintergrund ist natürlich auch die von der Weltbank vor Cancún in die Welt gesetzte Zahl, daß ein erfolgreicher Abschluß der Doha-Runde Wohlfahrtsgewinne von 500 Mrd. Dollar pro Jahr bis 2015 mit sich brächte, mit großer Vorsicht zu genießen. Selbst wenn sich neue Exportmöglichkeiten eröffneten - viele Entwicklungsländer werden nicht in der Lage sein, diese zu nutzen, da ihnen die dazu notwendigen produktiven und Exportkapazitäten fehlen.

Was die Kapitalmärkte betrifft, so war deren Entwicklung seit der Asienkrise für die Entwicklungs- und Transformationsländer mit einem beträchtlichen Nettokapitalabzug verbunden (s. auch W&E 5/2003). Der neue TDR schätzt, daß sich dieser Nettokapitaltransfer zwischen 1997 und 2002 (unter Einschluß aller Zahlungsflüsse wie Zinsen, Gewinnrückführungen und wachsender Rücklagenbildung) auf nahezu 700 Mrd. US-Dollar belief.


Unterschiedliche Krisenverarbeitung im Süden:

Dennoch heben die TDR-Autoren die großen Unterschiede hervor, mit denen die einzelnen Regionen der Entwicklungswelt externe Schocks zu verarbeiten in der Lage sind: Eine relativ begrenzte Bedeutung hatte die Schwäche der globalen Nachfrage in den letzten Jahren für die asiatischen Volkswirtschaften, weil diese (nicht zuletzt dank des Aufbaus hoher Währungsreserven) in der Lage waren, ihren Spielraum für eine antizyklische Wirtschaftspolitik zu vergrößern. In Lateinamerika verfügen die Regierungen dagegen kaum über solche Spielräume, vor allem deshalb nicht, weil es im Zuge der neoliberalen Reformen zu einer "verfrühten Deindustrialisierung" und einer enorm gestiegenen finanziellen Außenabhängigkeit kam. In Afrika scheinen sich die Wachstumsprozesse relativ losgelöst von der Weltkonjunktur auf ein mäßiges Niveau eingependelt zu haben, so daß inzwischen auch dem letzten Zweckoptimisten dämmert, daß die viel gepriesenen Millenniumziele auf keinen Fall einzuhalten sein werden.

Das Gesamtbild, das der Bericht zeichnet, ist aber keines von völliger Trostlosigkeit. Gerade die vergleichende Analyse der in Lateinamerika und Asien verfolgten Strategien und ihrer Ergebnisse (die der TDR auf ausführliche Weise vornimmt) zwingt dazu, das Standardmodell der marktgetriebenen Globalisierung nach dem Washington-Konsens ad acta zu legen und eine grundlegende Neubestimmung der internationalen Entwicklungsstrategie einzuleiten. Nicht zuletzt dafür bietet der neue UNCTAD-Bericht zahlreiche Anregungen.

Hinweise:
* IMF, World Economic Outlook, September 2003: Public Debt in Emerging Markets, 254 pp., IMF: Washington D.C. 2003. Bezug: über www.imf.org
* UNCTAD, Trade and Development Report 2003: Capital Accumulation, Growth and Structural Change, 154 pp., United Nations: New York and Geneva 2003. Bezug: über www.unctad.org
* World Bank, Global Economic Prospects 2004: Realizing the Development Promise of the Doha Agenda, 299 pp., The World Bank: Washington D.C. 2003. Bezug: über www.worldbank.org

Dieser Beitrag erschein in: >>> W&E 10/2003

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