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Vogelgrippe: Kein Produkt der Globalisierung

Vom Vormarsch eines Virus namens H5N1

In den vergangenen Monaten gab es eine ansteigende Kurve von (zuweilen hysterischen) Berichten über ein neues (vermeintliches) „Killervirus“, dessen epidemiologische Kennzeichnung – H5N1 – für panikartige kollektive Adrenalinschübe und Medikamentenkäufe gesorgt hat: die sog. Vogelgrippe. Als epidemiologisches Phänomen ist die Vogelgrippe allerdings nicht mehr ganz so neu, wie die jüngste Medienresonanz vermuten läßt, schreibt Kai Mosebach.

Zum einen sind unterschiedliche Typen, Untertypen und Stämme von Vogelgrippeviren schon lange bekannt, von denen jedoch nur einige für den Menschen gefährlich sind. Zum anderen ist der aktuell im Mittelpunkt stehende Typ der Vogelgrippe (H5N1, und zwar die tödlichere Variante) erstmalig im Jahr 1997 in Hongkong bei Enten aufgetreten. Es handelt sich folglich um eine Erkrankung unter Tieren, die bislang nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in der Lage war, auf wenigstens 134 Menschen überzuspringen, von denen über 50% (69) starben. Meist handelte es sich dabei um Menschen, die in direktem Kontakt zu dem infizierten Federvieh standen bzw. unmittelbar an der „Produktion“ und „Distribution“ von Geflügelfleisch beteiligt waren (weswegen auch die UN-Organisation für Landwirtschaft und Landwirtschaft, FAO, mit im Spiel ist).

* Pandemie zeitlich nicht vorhersehbar
Die in der Medienberichterstattung stets virulente Pandemie unter Menschen kann dagegen nur dann eintreten, wenn entweder das Vogelgrippenvirus derart mutiert, daß es leichter an menschliche Proteine andocken kann, oder sich mit einem menschlichen Grippevirus verbindet (oder beides zugleich): das Virus muß also von Mensch zu Mensch springen können. Das ist jedoch bislang nicht der Fall gewesen (auch wenn es einige wenige Zweifelsfälle gibt). Daß sich dies ereignen wird, gilt allerdings unter Epidemiologen als ausgemacht, nur wann und wo, ist nicht voraussagbar.

Allgemein geht man davon aus, daß alle 10-30 Jahre eine weltweite Grippeepidemie stattfindet; die letzte war im Jahr 1968. Dabei haben neue epidemiologische Forschungen gezeigt, daß die spanische Grippe des Jahres 1918, an der etwa 50 Millionen Menschen weltweit starben, auf ein mutiertes Vogelgrippevirus zurückgeführt werden kann. Wann und wo sich der Prozeß des Mutierens oder Verschmelzens ereignen wird, ist jedoch nicht voraussagbar, auch wenn laut Experten viel dafür spricht, daß Südostasien aufgrund der großen Verbreitung von infiziertem Federvieh und bereits bestehenden Infektionen von Menschen das Epizentrum sein wird. Ein Blick auf die Website des US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta (Georgia) zeigt aber auch, daß das Auftreten der Vogelgrippe ein weltweites Phänomen ist und keineswegs nur in Asien und Südosteuropa auftritt.

* Global ungleiche Abwehrpotentiale
Die Reaktionen der Staaten auf diese Bedrohungslage sind recht unterschiedlich, auch wenn Experten der WHO der Meinung sind, daß im Grunde kein Staat wirklich auf die Epidemie vorbereitet ist. Aus epidemiologischer Sicht läßt sich eine Pandemie praktisch nicht verhindern, jedoch in ihrem Ausmaß einschränken. Die Mittel hierzu sind freilich zwischen den Staaten der Welt hochgradig ungleich verteilt. Präventiv könnte man die (zu erwartende) Übertragung des Vogelgrippevirus auf den Menschen zu verhindern versuchen, indem man den gesamten Bestand des Federviehs gegen das Virus impfen würde. Dies erfordert jedoch hohe Ausgaben für Impfstoffe und Logistik, die gerade jene Staaten, die als erstes und bislang am stärksten von der Vogelgrippe betroffen sind, nämlich die Länder Südostasiens, gar nicht in der Lage sind aufzubringen (abgesehen davon, dass die hierfür notwendigen Strukturen durch neoliberale Strukturanpassungsprogramme vielfach erodiert sind).

Wie auch immer, die Zeit für einen solchen präventiven Schritt haben die Industriestaaten schon lange verschlafen, denn ohne deren Hilfe ist eine solche Politik in vielen Entwicklungsländern nicht umsetzbar. Stattdessen wird nach einem bekannt gewordenen Fall der gesamte Bestand „gekeult“, d.h. umgebracht, um ein Überspringen auf den Menschen zu verhindern. Ob dabei jedoch jeder infizierte Vogel eliminiert wird, bleibt nicht nur aus logistischen Gründen unsicher, sondern auch aus ökonomischen Interessen, handelt es sich doch bei dem Federvieh auch um „Kapital“ und die Lebensgrundlage für viele Menschen, gerade in ärmeren ländlichen Regionen.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Wahrscheinlichkeit eines mutierenden Überspringens auf den Menschen zu verhindern, indem jene Personen vorsorglich gegen übliche Grippeviren geimpft und mit Grippemitteln versorgt werden, die in einem engen Kontakt mit möglicherweise infiziertem Federvieh geraten könnten: Geflügelzüchter, Schlächter und Verarbeiter von Geflügelfleisch. Das neu installierte European Center for Diesease Prevention and Control (ECDC) in Stockholm rät zu einer solchen Vorgehensweise. Darüber hinaus haben die Bundesländer jedoch auch Grippeimpfstoffe und Grippemittel geordert, die zwar die Vogelgrippe nicht direkt bekämpfen können (und auch keinen neu auftretenden menschlichen Grippevirus), aber die Wahrscheinlichkeit, an Grippe zu erkranken bzw. deren Folgen reduzieren können.

* Tamiflu kein Fall für TRIPS?
Allerdings sind sowohl diese Grippeimpfstoffe als auch die antiviralen Grippemittel nur sehr beschränkt verfügbar, weil die Produktionskapazitäten der Pharmaunternehmen, die über die Patente verfügen, sehr gering sind. Versuche zudem, das Grippemittel Tamiflu des schweizerischen Pharmaunternehmens Roche mittels der Notstandsregelung des TRIPS-Abkommens im Sinne einer Zwangslizenz auch in Entwicklungsländern produzieren zu lassen, scheitern bislang an dem Widerstand von Roche und der TRIPS-Bestimmung der Doha-Erklärung, welche die Vogelgrippe nicht als Grund für eine Zwangslizenzierung zuläßt. Einseitige Maßnahmen einzelner Entwicklungsländer unterliegen daher den drohenden Sanktionsmaßnahmen der WTO.

Abgesehen von dem Streit um die Notstandsregelung des TRIPS-Abkommens im Gefolge der Vogelgrippe sind antivirale Grippemittel allerdings keineswegs geeignet, das Grippevirus zu bekämpfen, sondern bestenfalls dazu, den Verlauf zu entdramatisieren. Mehr noch, durch die immense Nachfrage nach antiviralen Grippemitteln im Gefolge panikartiger Medikamentenkäufe kann es durch den mißbräuchlichen Gebrauch solcher Medikamente dazu kommen, daß bestehende Grippeviren (nicht die Vogelgrippe!) Resistenzen gegen die existierenden Wirkstoffe ausbilden, was die Wirksamkeit einer prophylaktischen Einnahme antiviraler Mittel reduziert und die Situation ungewollt verschlechtern könnte.

Wirklich wirksam ist nur ein Impfstoff gegen das Vogelgrippevirus. Hierzu müßte nach dem ersten Auftreten eines mutierten und leicht von Mensch zu Mensch springenden Vogelgrippevirus (was dann de facto kein Vogelgrippevirus mehr wäre) ein Impfstoff hergestellt werden. Experten gehen davon aus, dass hierzu etwa drei bis vier Wochen nötig sind; eine Zeitspanne also, in der sich das Virus erstmal ausbreiten könnte.
UN-Experten befürchten, daß diese Zeitlücke zu schweren Verwerfungen auf dem Weltmarkt führen könnte, weil und wenn einzelne Staaten und Transnationale Konzerne eigene Notfallpläne anwenden, die den Austausch von Menschen und Waren drastisch einschränken.

* Fazit
Eine Grippepandemie ist kein Produkt der Globalisierung, sondern – wie es der Chief Medical Officer des britischen National Health Service, Sir Liam Donaldson, ausdrückte – ein natürliches Phänomen, daß immer wieder auftritt. Die Auswirkungen einer neuen Grippepandemie jedoch werden maßgeblich davon bestimmt, über welche personellen, finanziellen und infrastrukturellen Ressourcen einzelne Staaten verfügen (können) und inwieweit die Staaten miteinander kooperieren. Insofern ist die „Vogelgrippe“ durchaus ein globalisiertes Phänomen.

Kai Mosebach ist Dipl.-Politologe und Lehrbeauftrager für Gesundheitspolitik an verschiedenen Hochschulen und arbeitet zu Fragen von Globalisierung und Gesundheit.

Relevante Websites:
* Weltgesundheitsorganisation (WHO): www.who.int/csr/disease/avian_influenza/en/index.html
* Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO): www.fao.org
* Center for Disease Control and Prevention (Atlanta, USA): www.cdc.gov
* European Center for Disease Prevention and Control (Stockholm, Schweden): www.ecdc.eu.int

Der Beitrag erschien gedruckt in gekürzter Form in >>> W&E 12/2005.


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(Veröffentlicht: 12.1.2006)

Mehr zum Thema:
* Gesundheitsreform in Lateinamerika: Medizinische Dienstleistungen im Zeichen des GATS >>> W&E-SD 5/2003.


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