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WSF: Keimzelle einer neuen sozialen Elite

Soziologisches Survey über das Weltsozialforum

NUR IM WEB – Die Weltsozialforen erweisen sich als Keimzelle einer neuen linken Elite, die sich nicht mehr an politische Parteien bindet und zumeist aus hochgebildeten Aktivistinnen und Aktivisten besteht, oft mit abgeschlossener Universitätsausbildung. So lautet die Schlußfolgerung eines Surveys, das vom Brasilianischen Institut für Soziale und Wirtschaftliche Analysen (IBASE) zum diesjährigen WSF vorgelegt wurde. Eine W&E-Zusammenfassung.

 

Das diesjährige WSF repräsentiert mit seiner polyzentrischen Ausrichtung einen gewissen Einschnitt in der Geschichte der Weltsozialforen. Sein afrikanischer Teil fand bereits vom 20.-23. Januar in Bamako/Mali statt, sein lateinamerikanischer vom 24.-29. Januar in Caracas/Venezuela, und sein asiatischer wird voraussichtlich (wegen des Erdbebens in Pakistan verschoben) vom 24.-29. März in Karachi stattfinden.

* Hochgebildet, links und unabhängig
IBASE hat das TeilnehmerInnen-Profil der Sozialforen seit 2003 systematisch untersucht und dabei mit verschiedenen Instituten und Forschungseinrichtungen zusammengearbeitet. Die diesjährige Studie, die in der letzten Woche in Caracas vorgestellt wurde, trägt den Titel World Social Forum. An X-Ray of Participation in the 2005 Forum: Elements for Debate und wertet die Ergebnisse von Interviews mit 2540 ForumsteilnehmerInnen aus, die im letzten Jahre beim WSF in Porto Alegre/Brasilien gemacht wurden. Die meisten Daten gleichen denen der Vorjahre. Doch als Novum kann eine steigende Präsenz junger Leute und auch ein Anstieg der Teilenhmerzahlen aus den USA festgestellt werden. Letzteres dürfte sich in diesem Jahr in Caracas fortgesetzt haben.

WSF-TeilnehmerInnen lassen sich als eine hochgebildete Elite charakterisieren. Sie verfügen der repräsentativen Erhebung von IBASE zufolge zu 67,9% über eine Form der Universitätsausbildung (wobei in dieser Zahl auch Noch-Studierende enthalten sind) und zu fast 10% über einen Universitätsabschluß (Master oder Promotion). Der Anteil der Graduierten wäre noch höher, wenn die TeilnehmerInnen der Jugendlager aus der Bewertung ausgeschlossen würden, da diese in der Regel noch zu jung für einen Hochschulbesuch sind. In Mumbai 2004 hatten sogar 42% der TeilnehmerInnen einen Universitätsabschluß.

Nicht verwunderlich ist, daß ein hoher Anteil der Befragten sich ausdrücklich als "links" (60%) oder zumindest als "mitte-links" (fast 20%) einschätzt. Überraschend hingegen ist, daß immerhin 2,2% von sich sagen, ihre politische Grundeinstellung sei "rechts" oder "mitte-rechts", und 4,5% sich der politischen Mitte zuordnen.

* Nicht-traditioneller Hintergrund
Der Direktor von IBASE, Cándido Grzybowski, einer der bekanntesten Mitorganisatoren des Forums, hob bei der Vorstellung der Studie gegenüber der Nachrichtenagentur IPS hervor, daß ein relevanter Anteil der TeilnehmerInnen zwar über eine Universitätsausbildung verfügt, aber zugleich über einen "nicht-traditionellen Hintergrund". Oft ziehen sie das Engagement in sozialen Bewegungen und Nichtregierungsorganisationen dem in institutionalisierten politischen Parteien vor.

Entsprechend nierdrig ist die Mitgliedschaft in solchen Parteien (23,4%), entsprechend hoch das Vertrauensdefizit der Parteien. So verwiesen 58% der 2005 Befragten auf ihr geringes Vertrauen in politische Parteilen. Damit korrespondieren ausgesprochen hohe Vertrauenswerte für soziale Bewegungen (70,6%) und NGOs (58,3%), doch auch überraschend niedrige Werte für Gewerkschaften (35%), religiöse Institutionen (16,4%) und die Medien (11,7%).

Die Ergebnisse der Erhebung lassen sich als Bestätigung sozialstruktureller Analysen lesen, wonach die in den letzten Jahrzehnten neu entstandenen Bewegungen, wie die feministische Bewegung, die Ökologiebewegung oder auch ethnische Bewegungen, keine exklusive klassen- oder schichtspezifische Basis mehr aufweisen, sondern sozial heterogen und nicht-hierarchisch strukturiert sind und überkommene Praktiken der Machtpolitik ablehnen.

* Chance für Gewerkschaften
Gerade für die Gewerkschaften ergeben sich daraus eine Reihe von Konsequenzen, die Grzybowski so umschreibt: "Es ist wichtig, die Gewerkschaften an unserer Seite zu haben, aber nicht in der Führungsrolle, die sie in der Geschichte der sozialen Kämpfe gewöhnlich eingenommen haben." Es bilde sich heute eine neue politische Kultur heraus mit neuen Themen, einer Vielfalt von Interessen und Organisationsformen, in denen Dialog und Netzwerkbildung vorherrschen. Das WSF sei eine Chance für die Gewerkschaftsbewegung, sich den neuen Realitäten zu öffnen, neue Alternativen zu entwickeln und ihre Isolation zu überwinden.


Anzahl der TeilnehmerInnen auf dem WSF

Jahr  Stadt/Land   TeilnehmerInnenzahl  
2001  Porto Alegre/Brasilien  20.000 
2002  Porto Alegre/Brasilien  50.000 
2003  Porto Alegre/Brasilien  100.000 
2004  Mumbai/Indien  115.000 
2005  Porto Alegre/Brasilien  155.000 
Quelle: IBASE     


Wie die tabellarische Übersicht zeigt, hat die TeilenehmerInnenzahl der WSF von Jahr zu Jahr zugenommen, vom 20.000 in 2001 auf 155.000 im letzten Jahr in Porto Alegre. Neben der wachsenden Zahl der US-Teilnehmer ist interessant, daß sich die indische Teilnehmerschaft von 2003 auf 2005 - nach dem WSF in Mumbai - verdreifacht hat, was die WSF-Organisatoren als Beleg dafür werten, daß es richtig ist, das WSF "um den Globus zu schicken".

Nicht möglich erscheint es allerdings, etwas an dem Umstand zu ändern, daß das Land, in dem das WSF stattfindet, stets die meisten TeilnehmerInnen stellt. Im letzten Jahr kamen 80% aus Brasilien und nahezu 9% aus den anderen Ländern Lateinamerikas. Inwieweit die erhoffte Internationalisierung des WSF durch die polyzentrische Struktur in diesem Jahr weiter befördert wird, wird sich spätestens zeigen, wenn die Ergebnisse einer vergleichbaren Untersuchung vorgestellt werden, die IBASE in diesem Jahr in Caracas, Bamako und Karachi durchführt.


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(Veröffentlicht: 29.1.2006)

Mehr zum Thema:
* Ein W&E-Vor-Ort-Bericht vom WSF aus Caracas/Venezuela findet sich in >>> W&E 02/2006.
* Berichte über die Weltsozialforen der vergangenen Jahre finden sich in >>> W&E 02/2005, W&E 02/2003, W&E 02/2002, W&E 02/2001.


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