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Kartographie der Unterdrückung und der Migration

Artikel-Nr.: DE20210827-Art.24.09-2021

Kartographie der Unterdrückung und der Migration

Mark Bradfords ‘Masses and Movements’ in Menorca


Wie oft waren wir an den Gestaden der Balearen. Und wie oft hat sich unsere Faszination von der Schönheit und Natur dieser Region in Traurigkeit und kalte Wut verwandelt angesichts der ungezählten Migrant*innen, die Tag für Tag im Mittelmeer ertrinken. Der amerikanische Weltklasse-Künstler Mark Bradford hat jetzt den Versuch unternommen, die Kartographie der globalen Unterdrückung und Migration zu entschlüsseln. Als Standort der Ausstellung ‚Masses and Movements‘ fungiert nicht zufällig Menorca. Von Rainer Falk.

Mark Bradfords Ausstellung, die noch bis 31. Oktober läuft, ist die Eröffnungsschau der neuesten Galerie von Hauser & Wirth auf der kleinen ‚Isla del Rey‘ im Hafen von Mahon in Menorca. In seiner ersten Ausstellung in Spanien präsentiert der Künstler eine Installation skulpturaler Globen, ein In-Situ-Wall Painting und eine Serie neuer Leinwände, die auf einer Weltkarte aus dem 16. Jahrhundert basiert und auf der zum ersten Mal der Name ‚America‘ gedruckt erscheint.

● Erkenntnispotential der Abstraktion

‚Masses and Movements‘ füllt sieben Galerieräume. Integraler Bestandteil ist ein neues soziales Projektengagement Bradfords, mit dem er künstlerische Bildung einwandernden Gemeinschaften nahebringen will, und eine Schau, die die globale Immigrationskrise beleuchtet. In Fortsetzung seiner karrierelangen Erforschung von Systemen, die marginalisierte Bevölkerungen unterdrücken, zeigt Bradfords neueste Ausstellung Werke, die reich an formaler und allegorischer Komplexität sind und die Bedeutung der Abstraktion für das Verständnis der Welt, in der wir leben, unterstreichen; und nebenbei auch seinen Platz unter der wichtigsten heute lebenden Künstlern.

„Das hier sind die Gewässer, die wir im TV sehen, wenn in Los Angeles über die Flüchtlingskrise berichtet wird“, begründet Bradford den Standort der Ausstellung. Und Landkarten? Seine ganze Karriere hindurch hat Bradford seinen typischen Stil der archäologischen Abstraktion verfolgt, um die unterschiedlichsten Karten der Welt zu erforschen, soziale und politische Systeme freizulegen, die verwundbare Bevölkerungen objektivieren und marginalisieren sollen. Durch die Nutzung von Karten von Städten, Nachbarschaften, öffentlichen Wohnungen und Handelsrouten legt der Künstler die darin eingebettete Ausrichtung frei, die unsere Barrieren und Grenzen definiert, und enthüllt so eine Welt, die durch Machtstrukturen vordeterminiert ist.


Doch durch Covid-19 und die Folgen ist alles dies noch viel deutlicher geworden, wie Bradford bemerkt: „Da Geschäfte und Schulen schlossen und Länder ihre Grenzen 2020 abriegelten, begann jede*r zu verstehen, welche Macht in den Linien auf unseren Karten eingebettet ist. Wir denken, Karten sind dazu da, uns einen Sinn von Sicherheit in Bezug auf den Raum zu geben, doch es ist verblüffend, wie schnell sich das änderte. Wir konnten nicht mehr reisen, und dies alles wegen der auf den Karten eingeschriebenen Daten und Grenzen.“

● Schichten von Farbe, Bleichmittel, Sand und Teer

Im Originalbild, der Waldseemüller-Karte von 1507, sind Europa, das Mittelmeer, die Nordküste Afrikas und der Nahe Osten wohldefiniert und erkennbar für das moderne Auge. An den Rändern repräsentieren eckige Flächen undefinierte Landmassen, noch unerforschte Regionen, die von den europäischen Kolonialmächten vereinnahmt und geteilt werden sollen. Lateinische Texte, Illustrationen menschlicher Figuren und engelhafte Personifikationen von Handelsströmungen füllen die Ränder aus und liefern fantastische Obertöne zur Darstellung der Welt. Jenseits des Atlantiks ist ‚America‘ gedruckt – über jener Region, die später als Brasilien bekannt werden sollte.

Beginnend mit Fragmenten dieser Karte, brachte Bradford Abdeckmasse in expressiven Gesten an, die über die Oberflächte tropft und läuft. Verschiedene Typen von Papier fügten Schichten von Farbe hinzu und Bleichmittel transformierten die Materialien in schattige Nuancen und Texturen. Der Künstler bearbeitete dann die Oberflächen in den Techniken seiner unverwechselbaren Handschrift, wie Sand, Kratzen, Teer und Hobelspänen. Er arbeitete sich durch die angesammelten Materialschichten hindurch und bohrte dabei fossilisierte Mythologien frei, die sich familiär, doch unerkennbar anfühlen. Markierungen, die an Knochenschnitzereien, weite unverbundene Linien, halberkennbare Gestalten und Figuren erinnern, finden sich wiederholt auf den Leinwänden an verschiedenen Stellen und in unterschiedlichen Orientierungen.

● Bilder einer Welt in Bewegung

Die visuelle Sprache ruft multiple Narrative wach, die Bilder einer Welt in Bewegung beschwören: kontinentale Verschiebungen, Migration von Tieren, transatlantischer Sklavenhandel oder die Vertreibung indigener Völker. Unter den Schichten akkumulierten Materials entdeckt Bradford instabile Narrative, die ihre Wurzeln in Mythen haben. Vernachlässigt werden auf der Oberfläche dieser Landkarte die Geschichten derer, die von der Hinterlassenschaft dieser Kolonialgeschichte negativ betroffen sind.

Herabhängend von der Decke in gerader Linie in der Mitte eines Galerieanbaus besetzen sieben skulpturale Globen von anwachsender Größe den Raum und drängen die Besucher an den Rand. Ozeane aus schwarzem Papier umgeben zerknitterte Massen oxidierten Papiers in Schichten von Kontinenten und greifen zurück auf alte Ängste vor einem Meer als das unbekannte und unzähmbare ‚Andere‘. Die unterschiedlich großen Globen repräsentieren gespaltene Erfahrungen mit einem Planeten, der durch ungleichen Zugang zu Macht und Privilegien vorarrangiert ist.

● Karten waren immer zwielichtig

Wie Mark Bradford sagt, waren „Karten immer zwielichtig. So vieles von dem, was wir von Landmassen verstehen, kommt von Kartographen und ihrer Beziehung zu den Machthabern sowie der Notwendigkeit, stets einen Platz für Europa im Zentrum der Geschichte zu verteidigen. Ich bin interessiert an dem Potential der Abstraktion, die Geschichten von den Rändern auf die Seiten dieser Geschichte zu ziehen.“

Der letzte Raum in ‚Masses and Movements‘ ist einer Schau des kinetischen Potentials der Kunst gewidmet, marginalisierte Geschichten ins Zentrum zu rücken. Stapel von Postern, zu deren Mitnahme die Besucher eingeladen sind, bilden Anzeigen für niedrig verzinste Hauskredite ab, Dienste zur Abwehr von Zwangsvollstreckung oder Bargeld für Wohnungen, die Bradford in und in der Nähe von Los Angeles sammelte und die auf Bilder von Wüsten, Ozeanen, Grenzmauern und Küstenlinien geklebt wurden. Unter Verweis auf Felix Gonzales-Torres‘ ‚Ohne Titel (Tod durch das Gewehr)‘ von 1990, zeigt die Poster-Installation Motivationen zur Migration in Form von finanziellem Stress, wie er durch die kommerziellen Poster in Kombination mit Bildern von Landschaften repräsentiert wird, die jenen geläufig sind, die Grenzen über Land und übers Meer überwinden wollen. Drei In-Situ-Wandzeichnungen von Landkarten lenken die Aufmerksamkeit auf der anderen Seite auf den breiteren Kontext und unterstreichen den breiten, überwältigenden und zusammenhängenden Charakter der globalen Immigrationskrise von heute sowie die Geschichte der Bewegung von Massen von Menschen um den Globus.

Die Wandzeichnungen wurden übrigens von Studierenden der Kunstschule von Menorca aufgebracht, wobei der Künstler ihnen weitgehend freie Hand ließ, auch was die Auswahl von Slogans betrifft. Unter dem Namen ‚Education Lab‘ war das Projekt der jahrelangen Kollaboration Bradfords mit der Non-Profit-Organisation ‚PILAglobal‘ gewidmet und stellt eine künstlerische Intervention dar, die den weiten, zusammenhängenden Charakter der Flüchtlingskrise von heute zeigt.

* Mark Bradford, geb. 1961, ist in Los Angeles geboren und aufgewachsen. Er ist bekannt für seine großflächigen Gemälde, die das sozio-politische Potential der Abstraktion durch einen rigorosen Ansatz des Malens erforschen. Bradfords Praxis untersucht die politischen und ökologischen Bedingungen, die die am meisten marginalisiertesten Bevölkerungsschichten unverhältnismäßig stark betreffen. Seine Werke sind in öffentlichen und privaten Sammlungen weltweit vertreten.